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Bei den Blauen Nasen

Und was tanzt man so auf Kamtschatka? Auf der Suche nach der russischen Kultur in Sibirien und im Fernen Osten

Von Barbara Lehmann
25. Juli 2002 Quelle: DIE ZEIT, 31/2002

Im Flugzeug, irgendwo in Russland.

Fliegen wir, oder stehen wir noch immer auf dem Rollfeld, in Scheremetjewo bei Moskau, in der Nacht? Für die Russischen Kulturtage in Deutschland, eine Schröder-Putin-Initiative für das nächste Jahr, wollen wir einen Monat lang durch 9 Zeitzonen reisen, 15 000 Kilometer vom Ural über Sibrien bis nach Kamtschatka und Sachalin. Schräges Theater, abgedrehte Autoren sollen wir finden, auch wenn die Moskauer unken, in der Provinz gäb’s keine Kultur.

Bilder rasen durch den Kopf: tanzende Kraniche auf ewigem Eis, unter Eisschollen begrabene Städte, Mammuts in Gletscherspalten, Birkenwälder.

„Schnallen Sie sich an, wir landen in Perm.“

Breite Straßen, endlos, wie mit dem Lineal gezogen. In der Ferne die Fackelsäulen der Raffinerien. Plattenbauten kehren uns zugemüllte Balkons wie schwangere Bäuche zu, an morschen Holzhäusern klappern die Läden. In einer Stadt wie dieser ließ Tschechow vor 100 Jahren seine drei Schwestern versauern. Im Zentrum ragt die Rohbauruine eines Konzert- und Kinokomplexes empor. „Was hat Sie bloß hierhin verschlagen?“, fragt man uns in der Kantine des Stadttheaters. Alexander Gribojedows staubtrockenes Stück Verstand schafft Leiden hören wir nur über Lautsprecher mit – zu langweilig zum Ansehen. Im Schriftstellerverband sitzen Lemuren, ordensgeschmückt. Wo sind wir gleich? Perm: Wartesaal, Endstation für die einen, das Zentrum der Welt für den, der nie etwas anderes sah. Was wir hier sollen? Keinen Schimmer.

10 Zugstunden weiter: Tscheljabinsk.

„Glückliche Menschen reisen nicht“, sagt Witali Kalpidij, der beste russische Dichter. Weiß gewandet, halb Guru, halb Verführer steht er an der Tür. Sorry, wir sind zu spät, macht nichts, eine halbe Stunde ist hier wie anderthalb Minuten. Auf der Stirnseite seines Mietshauses streckt ein riesiger schwarzer Weltkrieger eine Pistole in die von Siegen bebende Luft. Doch die Panzer- und Kanonenfabriken und das Atomzentrum Tscheljabinsk 40 haben dichtgemacht, ein Drittel der Bevölkerung ist arbeitslos, das alte Lied – und dennoch: „Die Landschaft hat eine Stimme. Man muss ihr eine Mythologie geben.“ Kalpidij putzt in seinen Gedichten die Terrorvergangenheit des Urals einfach weg, seine Gegenwart ist fleckenlos: viel Natur, etwas Mystik und eine Prise Sex, melancholisch zusammengemixt. Dass ihn der russische Geheimdienst nicht studieren ließ, in die Psychatrie sperrte und seine Bücher verbot – egal.

„Die Poesie schafft das Leben. Wo du bist, ist das Zentrum.“ Eisern gibt er seit Jahren eigene Gedichte und Anthologien der Ural-Poesie im Selbstverlag raus

seine Frau, eine Innenarchitektin, verdient genug bei den Neuen Russen.

Im Westen war er nie, Moskau ist fern, obwohl es mit Preisen winkt – was zählt, ist der Ural. Aber schert sich Tscheljabinsk denn überhaupt um all die Gedichtbände, Poesiefestivals, Lesungen? Ach was, sagt Kalpidij, er fülle nur den Kübel des Kulturmülls ab. „Sie werden auf Ihrer Reise nichts sehen, was Sie nicht schon kennen.“

Das Abendrot malt Postkartenidyllen: Auf einem Karusell dreht sich ein Tatarenjunge auf einem Nordhirschen, am Horizont reihen sich die Holzhäuser als schwarze Hutschachteln auf. Fremdes Leben, still, gemächlich. Jedenfalls für uns, die wir vorüberhetzen. Der Kultusminister der Region wartet schon im Restaurant, der Wodka auch. „Kalpidij?“, fragt er. „Nee, kenn ich nicht.“

4 Autostunden weiter: Jekaterinburg.

Glocken dröhnen, Nebeln wabern, der Wald dampft von verbranntem Laub. Hallo, ist hier ein Autor? Durch Birkenstämme schimmern grüne Türme mit güldenen Kreuzen. Eine Märchenkulisse, wenn nur die Eisenkrallen der Schauffelbagger nicht wären. Überall in Russland entstehen neue Klöster, in guter kommunistischer Tradition baut die orthodoxe Kirche, im Verein mit Mafia und Nomenklatura, an der Ewigkeit. Der Mönchsführer steht vor einer Grube und schreit seine schaurige Mär von der Bestattung der gemeuchelten Zarenfamilie raus: In einem Lastwagen wurden die Leichen hierher gekarrt und mit Fleischmessern zerstückelt. Zwei Tage und zwei Nächte lang brannten danach die Scheiterhaufen

die Knochenreste wurden in diesen Schacht geworfen.

Merkwürdig, wir kannten bislang eine andere Version der Geschichte. Der russisch-orthodoxe Gott, wohlbeleibt und obrigkeitshörig, lugt zufrieden ob all der Wunder an nützlichen Geschichtskorrekturen zwischen den Wipfeln hervor. Wir schleichen davon. Die Theater in Jekaterinburg hatten heute leider zu.

2 Flugstunden weiter: Nowosibirsk.

„Wir grüßen die zweifache Heldenstadt“ steht auf einem grauen Stein. Alles sieht aus wie nach einem langen Krieg: Schwarze Rauchwolken hängen über den stalinistischen Fassaden, der Wind treibt Menschen wie Staubfahnen über den Asphalt. Eine der größten Städte der Welt, flächenmäßig. Wir wähnen uns im Zentrum und laufen doch mehr als eine halbe Stunde bis zum obligatorischen Lenin-Denkmal. Dahinter erhebt sich der säulengepanzerte Opernbau, ein nationales Prestigeobjekt, das demnächst mit 38 Millionen Dollar aus Putins Kulturtöpfen restauriert werden soll. Die anderen Kulturinstitutionen sind, wie üblich, chronisch unterfinanziert: Eine Hand voll Theater, Museen und Orchester hauen und stechen um jeden Subventionsrubel. Daneben kriechen aus dem zerfallenden Kollektivkörper der offiziellen Kultur immer wieder Einzelinitiativen hervor: Hier ein Festival freier sibirischer Theatergruppen, dort eine Videoreihe im Keller, im Club der Schwarzen Witwen.

Und was planen gleich noch die ironisch-subversiven, immerzu koksschnüffelnden Blauen Nasen?

Nein, in den Smognebeln hier blickt keiner durch. Wir vereinbaren noch schnell eine Koproduktion mit der Oper, Alfred Schnittkes Leben mit dem Idioten nach Viktor Jerofejews Erzählung, seiner besten vielleicht. Dann fahren wir ins Grüne, ins nahe Akademgorodok, die legendäre Wissenschaftlerstadt. Hier wartet der 40-jährige Schriftsteller Oleg Postnow auf uns. Eingeschnürt in Mantel, Schal und Hut, ein tschechowscher Mensch im Futteral, doch gesprächig und offen. Zunächst reüssierte er als Autor im Internet, jetzt wird sein Roman Angst in Petersburg und bald auch in Berlin verlegt. Der Held des Romans spinnt sich in die innere und äußere Emigration ein, sein Schöpfer hat sich längst in die Welt aufgemacht: Er pendelt zwischen der Ukraine, Polen, New Jersey, Moskau, Petersburg. Gerade kommt er von einer PR-Kampagne zurück, die allerdings überflüssig war – das Buch ist längst vergriffen. Trotzdem, von Autorenhonoraren und 100 Dollar am Philologischen Institut kann keiner leben, die Küchentapete rollt sich schon zu sanften Schleifen: „Wissen Sie, Demokratie auf leeren Magen ist zum Kotzen.“

Wir gehen ins Restaurant im Haus der Kultur. Hier, in bleiernen Breschnew-Jahren, stieß einmal der Filmregisseur Andrej Tarkowskij vor dem kleinen Postnov paranoide Tiraden aus, bevor er die liberale Wissenschaftlergemeinde als Verbündete erkannte. Seitdem ist die Zeit wohl stehen geblieben: Ein Glühbirnenhimmel schießt rot-grün-blaue Flecken an die Wände, eine hochtoupierte Schöne kreischt Hits aus den Sechzigern. Vier dicke Damen zeigen viel Bein beim Tanz. Am Literatur- und Videoprojekt Im Zentrum des Imperiums arbeiten wir besser morgen weiter.

8 Flugstunden weiter: Kamtschatka.

Am Flughafen der Halbinsel erkennt man uns erst auf den zweiten Blick, denn inzwischen sehen wir wie Penner aus. Das Stadttheater-Frauenbataillon der Wache Nr. 6 finden wir pathetisch

das Tanzensemble, für das wir zehn Stunden lang in den Norden fahren, ist nur Folklore, nicht die versprochene Avantgarde. Ewiger Winter, Eismeer, Vulkane – auf Kamtschatka ist nicht nur Russland, sondern die Welt zu Ende. Aber wir sind ohnehin urlaubsreif.

Allerdings bleibt auf dem Weg zum Ferienlager unser Lastwagen stecken. Da fallen wir eben vier Stunden bergauf, bergab durch den Tiefschnee. Keine Ahnung, wie wir da wieder rausgekommen sind.

3 Flugstunden weiter: Chabarowsk.

Feiertag, Kriegsende, so ein Pech. Der Autor, den wir treffen wollten, ist aufs Land geflohen, das Theater Triade quält seine Körper durch ein Puschkin-Ballett, das vor Jahrzehnten mal modern war. Im Fernsehen besiegen die Russen seit Tagen die deutschen Faschisten. Da gehen wir lieber gleich zur Parade. Ganz Chabarowsk steht, festlich gewandet, mit Frieden im Herzen auf dem Lenin-Platz. Direkt aus dem Armeemuseum kommen steinalte Panzer, Lkw und Raketen angerollt, die Regimenter marschieren zur Modenschau auf. Hinter den Vorhängen des Busses von Chabarowsk Tourist erahnt man die letzten gehbehinderten Überlebenden des Vaterländischen Krieges. „Ich bin ein Veteran des Elends“, sagt ein Mann in Armeehosen und fischt Bierflaschen aus dem Müll. Nein, vor den Russen werden wir uns ab heute nicht mehr fürchten.

2 Flugstunden weiter: Sachalin.

Tschechow war auch schon da, aber das war vor 120 Jahren. Und die Adresse des einzigen lebenden Autors auf der ehemaligen Lagerinsel haben wir verloren.

Also sehen wir uns im Theater Michael Frayns Nackten Wahnsinn an. Der war vor zehn Jahren in Deutschland sehr in, doch das hier kann man nicht mal mehr in Castrop-Rauxel zeigen. Erholen wir uns lieber in einem Sanatorium. Die Schwestern tragen fesche Kochmützen, die Patienten werden gleich nach dem Aufstehen vor dem Fernseher ruhig gestellt. Wir sitzen in weißen Wannen auf zarten Füßen und leisten uns ein Mineralbad für 90 Rubel – dafür wird extra blaues Pulver in das lauwarme Wasser gekippt. Wer dieses Sanatorium überlebt, ist jedenfalls gesund.

2 Flugstunden weiter: Wladiwostok.

Vorm Hotel breitet sich angeblich der Japanische Ozean aus, doch wir sehen nur Nebel. Schwarz gewandete Chinesen mit schweren Tüten hasten vorbei. Wie gut, sagt vor uns ein Matrose, dass die Schlitzaugen hier nicht auch noch Grund und Boden erwerben dürfen, sonst wäre der russische Ferne Osten längst eine chinesische Kolonie. Auf dem Platz des Sieges der Revolution der übliche Krieg der Zeichen: Eine Partisanengruppe schiebt sich vor eine Coca-Cola-Bude, auf dem Parteigebäude rollt sich die russische Fahne ständig über das Sowjetemblem. Immerhin, das ist neu, ragt im Hintergrund das Mastengestrüpp der Frachtschiffe auf.

Alexander Kolesow, der Vorsitzende des Wladiwostoker Pen-Clubs, empfängt uns in seiner kleinen Wohnung, im Dunkeln: „Der Strom ist mal wieder ausgefallen, private und staatliche Firmen liegen in Dauerfehde.“ Macht nichts, auch ohne Licht planen wir gern ein Projekt mit den Jungdichtern der Gruppe Graues Pferd. Dann kurven wir in Kolesovs japanischer Limousine durch die hügelige Hafenstadt, ungekämmt und ungeschminkt sind die neoklassizistischen Fassaden.

Kolesov, ein eleganter Homme à Femmes, ist durchaus erfolgreich: Sein Geld verdient er im eigenen Verlag mit Kalendern, Fotobänden und Katalogen, mit seinem Literaturalmanach hat er sich als Kritiker und Essayist in Wladiwostok einen Namen gemacht. Doch Frau und Tochter wohnen in Petersburg, die Freundin lebt auf Sachalin, er ist allein – ein alter Mann von 42 Jahren. Und ständig kreist die Platte mit den inneren Monologen: „In der Provinz sind die literarischen Verlage gestorben. Für mich ist Moskau nah, doch wir sind für Moskau weit weg. Früher waren meine Künstlerfreunde im Underground aus politischen Gründen, jetzt leben sie aus Not ganz unten, man lässt sie verhungern.“

In einem entlegenen Teil der Stadt, das Stabsquartier von Schirinowskij ist nicht weit, steht ein ausgemergelter Mann auf einem Podest, fröstelnd in einen Ledermantel eingehüllt, als wolle er fortfliegen. Es ist das Denkmal von Ossip Mandelstam. Er starb im Dezember 38 bei Wladiwostok, seine Leiche warf man in ein Massengrab. Die schwarze Steinfigur wurde nach langem Widerstand der Behörden schon einmal 1998 aufgestellt, dann zerstört. Seit einigen Monaten ist sie nun wieder hier, in der Diaspora. Eine Passantin fragt: „Warum steht da Mandelstam, ein Jude?“

4 Flugstunden weiter: Irkutsk.

Ist es früh, ist es spät? Friedlich floaten wir durch die Zeit, selbst mit den Jahren kommen wir allmählich durcheinander: In Irkutsk sitzen wir in einem ehemaligen Kaufmannshaus, beim Verband der Russischen Schriftsteller, und fühlen uns wie in den Achtzigern: Damals, zu Beginn der Perestrojka, spalteten sich in Moskau Konservative und Reformer in zwei Schriftstellerorganisationen – heute kräht dort kein Hahn mehr danach, stattdessen recycelt man gerade die alten Ideologien als Label der Popkultur.

Doch in Irkutsk ist alles beim Alten. Bei Anatolij Kobenkow und seinen 14 Jüngern sitzt der westlichliberale Geist

am anderen Ende der Stadt thront der Verband der Schriftsteller Russlands, Walentin Rasputin und die Seinen, eine Art ewiges Politbüro, das die religiösen Gefühle der russischen Nation bewacht. Bald, sagt Kobenkow gutmütig, komme wohl auf jeden Schriftsteller ein Verband. Dahinter stehen, wie üblich, ökonomische Interessen: der mitgliederstärkere Rasputin-Verein erhält über eine Million Rubel, Kobenkows Clübchen 580 000 – das reicht gerade für drei Angestellte, Pensionen und dreieinhalb Publikationen. Die Arche Noah des einstigen Imperiums habe längst Schiffbruch erlitten, sagt Kobenkov, jetzt treibe jeder auf seinem Brett so vor sich hin und wolle eigentlich zurück ins staatliche Kollektiv. Er baue eben an einem Haus für die jungen Autoren, die sonst auf der Straße stünden.

Im Moment geht mal wieder alles schief: Ein Poesiefestival soll in einer Woche starten, doch dafür fehlen 100 000 Rubel. Trost kann jetzt nur noch der katholische Beichtvater spenden.

Rachmaninow klingt aus der schlichten neugotischen Kirche, die vor zehn Jahren wiedereröffnet werden durfte. Doch hier warten nur neue Dramen: Der polnische Bischof der kleinen Katholikengemeinde wurde mit kräftigem Zutun der orthodoxen Kirche zum Spion erklärt und nach Polen zurückgeschickt. Und beim Beichtvater, der unermüdlich Aids-Kranken hilft, wurde heute Hepatitis B diagnostiziert. Was tun? Los kommt, fahren wir zum Baikalsee. Am Himmel pappen Zuckerwattewolken, ein Gedenkstein am Ufer markiert die Stelle, wo vor 20 Jahren der Dramatiker Alexander Wampilow ertrank. Die weißen Berge am Horizont scheinen zu fliegen.

8 Zugstunden weiter: Ulan-Ude.

Eine Nacht lang werden wir gen Burjatien geschaukelt, wir lieben inzwischen die russische Langsamkeit. In unseren Köpfen kracht mal wieder das Festival zusammen: Der russische Partner, das Moskauer Kultusministerium, will jetzt selbst das Programm auswählen. Benommen fallen wir in Ulan-Ude einem riesigem Lenin-Kopf mit kalmükischen Zügen vor die Füße. Gleich daneben hat das Historische Museum geborgen, was die Burjaten vor dem leibhaftigen Lenin retten konnten: tibetische Medizinschriften, fette Holzbuddhas, die Trachten und Bogen der Krieger, aber wir taumeln nur noch vorbei. Wo, bitte, ist der Ausgang? An der Tür bauen sich Riesenweiber in Trachten auf, die letzten Altgläubigen der Region wollen jetzt eine Stunde lang singen und springen.

Danke, wir müssen jetzt schlafen.

Am nächsten Tag tischt Bair Dugarow, der Dichterklassiker der Burjaten, für uns auf. In seiner Wohnung stehen tibetische Schriftrollen friedlich neben Schnappschüssen der Dächer von Paris, unter er Dugarow im letzten Jahr wohnte. Burjatien also: eine neu gegründete Republik nah der mongolischen Grenze, mit 100 ethnischen Gruppen, die sich zwischen der zentralasiatischen Steppe, den sibirischen Bergen und der Taiga verteilen. Ist diese Schnittstelle von Ost und West also die einstige Sowjetunion en miniature, die Verwirklichung von Russlands eurasischem Traum? Die Realität, sagt Dugarow, ein Orientalist und Historiker, sah bis vor kurzem anders aus: Im Zarenreich und in der sowjetischen Diktatur wurde die burjatische Elite ausgemerzt. Dugarows Großvater, ein Lama, kam als Volksfeind im Lager um. Und doch werde der kommunistische Gouverneur bestimmt wiedergewählt, die Menschen sehnten sich nach der früheren materiellen Sicherheit. Dugarow, der Buddhist, lächelt entspannt: Der patriotische Furor der neunziger Jahre sei auch hier zum Rinnsal der Politikmüdigkeit geworden. Jetzt schreibe er wieder: „Die Welt ist das Suchen des eigenen Gesichts.“

Wir fahren zum Iwolginski-Kloster, dem einzigen buddhistischen Tempel Russlands, dessen Wiederaufbau Stalin 1946 gestattete. Vor den schwarzen Wellen der Hügel heben sich die Pagodendächer wie Gold schimmernd ab, doch beim Näherkommen sind sie bloß mit gelber Farbe überstrichen. Ein Spielzeugkloster, eine bescheidene Kopie einstiger Herrlichkeit, zu mehr reichten die Spenden der Gläubigen nicht. Löwen legen ihre Tatzen auf hellblaue Erdkugeln, die Gebetsmühlen rattern. Alte Frauen tragen heiligen Kefir in Wodkaflaschen und pressen die Münder so demütig auf ein Kissen vor dem Bild des Dalai Lama, als küssten sie eine orthodoxe Ikone. Der Heilige Berg am Kloster streckt Nase und Kinn in den Himmel: ein Sphinxgesicht.

Die Erleuchtung kommt über uns: Nein, es gab keine Reise. Wir haben diese Weiten gar nicht durchmessen. Es gibt auch kein Russland. Oder doch, Russland ist hier, in Burjatien, in diesem buddhistischen Kloster – und wartet im Nirgendwo zwischen dem Kreislauf des Daseins und dem Nirwana auf seine nächste Inkarnation.