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Der letzte Weg

Von Alaska über die Aleuten bis zu den Kurilen. Die Gäste der „World Discoverer“ sind routinierte Kreuzfahrer, denen nur noch dieses neblige Ende der Welt in den Fotoalben fehlt

Von Barbara Lehmann
9. Januar 2003, 7:00 Uhr / Editiert am 29. November 2013, 15:50 Uhr Quelle: (c) DIE ZEIT 03/2003

Der schwarze Himmel kippt seine Wolkenfracht ins Meer. Der Wind treibt das Wasser wie Schneestaub hoch, Schaumfontänen spritzen auf, zerstieben, sacken in sich zusammen. Eine Möwe will sich auf eine Welle flüchten, wird hochgeschleudert, wirbelt durch die Luft. Das Schiff hebt sich den dunklen Wolken entgegen, durch die sich ein böser Mond bohrt. Weinflaschen und Passagiere fliegen durch den Speisesaal, einer sucht Halt an zwei Gläsern, die wie Zinnsoldaten vor ihm stehen. „Es gilt die alte Seemannsregel: Immer eine Hand freihaben beim Laufen durch das Schiff“, tönt es durch die Lautsprecher. In den Nobelkabinen auf Deck 5 glucksen Wasserbläschen am unteren Rand der Balkontürfront. Im Mahagoni-Sideboard krachen die Gläser zusammen, der Kleiderschrank spuckt Wollmützen und Strickhosen aufs französische Bett – nur Glastisch und Diwan, fest verschraubt, wanken nicht.

Wir sind auf der World Discoverer, einem Expeditionsschiff der Luxusklasse, das uns in knapp drei Wochen von Alaska über die Aleuten bis zu den Kurilen tragen soll. Die Route zwischen den Kontinenten war während des Kalten Krieges gesperrt, jetzt soll unser Schiff auf den Spuren der nordischen Expeditionen Berings die karge Inselwelt erkunden. Es ist Spätsommer und acht Grad warm, elf Tage sind wir schon auf Tour. Tagaus, tagein erkundeten wir auf unserer „Großen Entdeckerreise“ ewig graue Kaltmeermassen, durchsetzt von Riffen, die einst von Vulkanen ausgespuckt wurden. Zwischendrin ragten auch mal die Granitfelsklippen unbewohnter Inseln in den Grünbrauntönen des Military-Look auf, deren Farben durch kristallisierte Mineralien entstanden sind.

Hinter uns liegt Kamtschatka: die Halbinsel an Russlands östlichstem Rand, umgeben von drei Meeren. Ein höllisches Paradies aus Feuer und Eis, an die 30 aktive Vulkane verteilen sich auf einer Fläche, anderthalbmal so groß wie Japan. Doch Kamtschatka, die Schöne, hatte ihre Reize, die Zuckerhüte der Vulkane, vor uns in Nebel, Regen, Kälte verhüllt. Frühmorgens hatte unser Dampfer in Petropawlowsk angelegt, einer Stadt ohne Zentrum, eigentlich nur zwei lange Straßen, gesäumt von 15-stöckigen sozialistischen Investruinen und fleckigen Mietskasernen, angefressen von Schnee und Wind. Bunte Datschen mit weißen Fensterrahmen klebten wie Schuhschachteln an riesigen Hängen, die in graue Wolken eintauchten. Wäsche baumelte an Leinen, die zwischen den Häusern gespannt waren. Autokadaver krümmten sich am Straßenrand, Müllreste färbten die Büsche. Neun Monate ist Winter, 16 Grad warm wird es im Sommer. Am schwarzen Ufer vor der eisigen Beringsee lungerten Matrosen und arbeitslose Fischer. „Hier ist ein Gefängnis, meine Seele singt hier nicht“, sagte einer. Die großen staatlichen Fischfabriken hätten in den vergangenen zehn Jahren dichtgemacht, das neun Flugstunden entfernte Moskau vergebe nun die Lizenzen zum Fischfang an ausländische Firmen und reiche Kunden aus den Metropolen.

Das Ausflugsprogramm war festgezurrt: Naturhistorisches Museum, Kirche Sankt Peter und Paul, Fischmarkt, Postamt waren Pflicht für jeweils 20 Minuten, im Goldenen Anker gab’s trüben Borschtsch, garniert vom Tanz der Korjaken.

„Wer einmal auf Kamtschatka war, kommt nicht mehr davon los“, schwärmt Ulli Wannhoff, einer von vier wissenschaftlichen Begleitern für uns 80 deutsche Passagiere – die übrigen 60, meist Amerikaner, betreut ein englischsprachiges Team. Schön wär’s, denn wir kommen erst gar nicht mehr an Land. Der Taifun, Tage zuvor angekündigt, tobt inzwischen mit Windstärke zehn, weitere Anlandungen auf Kamtschatka sind unmöglich, dafür entdecken wir die Halbinsel heute durch Vorträge. Die meisten Passagiere, von Seekrankheit geschwächt, verfolgen sie allerdings vom Bett aus über den Fernseher, nur wenige haben sich in die Lounge geschleppt.

Kamtschatka, das russische Feuerland der Vulkane und Erdbeben, erzählt Ulli Wannhoff, der acht Monate dort gelebt hat, wurde im Auftrag Peters des Großen vom Dänen Vitus Bering erforscht. Der hatte vor 262 Jahren Petropawlowsk gegründet. Russische Pelztierjäger, Kaufleute, entlaufene Sträflinge, Glückssucher eben, folgten ihm. Hinter Berings Forschungsreisen verbargen sich schnöde merkantile Expansionsgelüste: Auf Zobel und Gold waren die großrussischen Eroberer scharf, später wurde auch der Kaviar als Handelsware entdeckt. In Sowjetzeiten lockten Sibirienzuschläge und preiswerte Wohnungen intellektuelle Abenteurer, Ärzte und Militärs, Fischer, Geologen, Vulkanologen in Russlands fernen Osten. Während des Kalten Krieges rüsteten die Sowjets die Grenzregion mit Waffenfabriken und ihrer atomaren U-Boot-Flotte zum militärischen Sperrgebiet auf – Russlands Bollwerk gegen den nahen amerikanischen Feind. Jetzt, in demokratischen Friedenszeiten, schert sich die Moskauer Regierung nicht länger um den entlegenen Fleck und hat die Subventionen gekappt. Jährlich verlassen die Halbinsel nun 7000 Menschen, ungefähr 350000 leben noch auf Kamtschatka, viele davon deklassiert. Doch immerhin schielen jetzt amerikanische und japanische Firmen auf die Platin- und Goldressourcen, und auch der Tourismus ist eine Hoffnung.

„Kommen Sie im Winter nach Kamtschatka“, empfiehlt Ulli Wannhoff, „dann sehen Sie auch die Vulkane.“ Auf Dias schwimmen Berggipfel wie Wolken im endlosen Blau, der Kopf des Mutnowskij-Vulkans ragt wie eine Kirchturmspitze auf. Eiszapfen türmen sich meterhoch, zum Fenster einer Jagdhütte schaut ein Blaufuchs herein. Winter auf Kamtschatka, sagt Wannhoff, das seien, weitab von der einzigen Landstraße, die irgendwann einfach abbreche, minus 20 Grad und eine Stille, in der man nur die eigenen Schritte höre. Ein Leben wie in der Steinzeit, vielleicht bei einem alten Korjakenpaar. Der Mann laufe tagein, tagaus kilometerweit die Fallen nach Füchsen und Zobeln ab, derweil bereite seine Frau das Mahl: Schneehasen. „So was von Harmonie, das ist selten in Europa.“

Winter auf Kamtschatka – das sei Warten darauf, dass die Schneemassen im Mai langsam weichen, dass Waldorchideen, Schwertlilien, Weidenröschen meterhoch sprießen. Winter, das sei auch Warten auf die Schwärme der kaviarspendenden Lachse, die zum Laichen die Flüsse im Sommer blutrot färben und Tausenden von Bären Nahrung liefern. Kamtschatka, berichtet er, habe dann auch den Touristen viel zu bieten: Bärenjagd, Heli-Ski von den Vulkangipfeln herunter, Floßfahrten und Reiten entlang des Spinnennetzes der Flüsse, Helikopterflüge ins Tal der Geysire, zu Schwefeldampfquellen, die aus dem Untergrund schießen, zu Bombentrichterlandschaften aus Lava, durchwebt von Baumspitzen, die aus meterhoher Asche lugen: black forest.

Einige der Zuhörer dösen versunken in ihren orangefarbenen Plüschsesseln, wenige stellen Fragen. Sie sind erfahrene Kreuzfahrer, Stammgäste, meist pensioniert, sie haben schon alles gesehen – nur diese neblige Ecke am Ende der Welt fehlt noch in Fotoalben und Familiengeschichten. Bei ihren rastlosen Touren suchen sie Geselligkeit – Hauptsache, nicht auf die eigenen vier Wände starren und den Tod erwarten.

Allerdings, am ersten Tag, bei der Einschiffung in Alaska, ist der Elan noch größer gewesen. Schnappschüsse der Erinnerung: Am Horizont schwebt unser kleines Schiff auf blechblanker See, darüber pappt, scheinbar ewig, Alaskas Sonne, ein goldener Taler. Drei Schweden, Alaskas erste Goldmillionäre, verheißen in der Methodistenkirche hinter goldenen Bilderrahmen fixes Glück, daneben steht in stolzen Lettern „There’s no place like Nome“. Nome: Drei Monate nur weicht das Eis, Bäume halten sich auf dem Permafrostboden nicht, nur Sträucher und Beeren kriechen über weite Hügel, die sich über den einstigen Goldgräberstätten wellen. Vom 3000-Einwohner-Städtchen im Osten Alaskas ist nach mehreren Bränden nur die Kopie der Kopie geblieben: Saloon, Hotel, Post und Court House aus blank geputztem Holz stehen, wie am Schnürchen aufgereiht, als wären wir in einem Western-Film. Rentiergeweihe hängen über Hauseingängen, davor sind Boote aufgebockt. Einem verrosteten Schiffswrack gleich, ruht an einem Baggersee eine Raupenschaufelbacke, Fördergerät aus jenen Zeiten um 1900, als die weißen Zelte der Goldsucher den Strand wie Schnee bedeckten. Jetzt haust hier – in einem Holzverschlag mit braunem Polstersessel, Fahrrad und Flagge – nur noch ein Mann. „Ich mag hier leben“, sagt er und schaufelt Kies auf ein Sieb. Vielleicht, mit etwas Glück, fällt für ihn doch noch etwas Goldstaub durch.

Millionäre in Gummistiefeln

„Sie können sich nicht vorstellen, wie viele Millionen hier unterwegs sind“, erzählt einer von der Crew. Mit Schwimmweste und Gummstiefeln stehen die Millionäre meist schon vor acht Uhr morgens am Ausgang aufgereiht. Der Geist des Pionierlagers ist angesagt. Nach Weckruf, Frühstück geht’s zack, zack, rein in die Zodiacs, die Schlauchboote, 140 Menschen fallen kurz darauf zum Freigang auf den Inseln ein, richten, in streng formierten Grüppchen, unter dem Kommandoruf der Begleiter, superteure Teleobjektive auf Strandgewächse, Vögel, Meeressäuger. Manchmal wird ein Landgang auch durch eine Bootstour zu irgendeinem Vogelfelsen ersetzt – oder fällt aus wegen starker Wellen und Nebels.

Unser erster Stopp im Inseleinerlei auf der amerikanischen Seite – Gambell auf St. Lawrence: Kiesküste, nackte, schwarze Hügelketten, Wiesen, die nach Beifuß duften, Hütten aus Treibholz, auf Stelzen, mit Satellitenschüsseln. Eskimos, die auf vierrädrigen Motorrädern brausen, ein Boot aus Häuten weiblicher Walrösser, Walrossschädel und ein Fototermin beim Grönlandwal: Aufgebockt steht er da seit vergangenem Frühjahr, als sie ihn gefangen hatten. Eine rote Selbstbedienungstheke stinkenden Trockenfleisches, in Quadrate aufgeteilt. Die Eskimos haben sich nur die besten Stücke genommen. Sie leben von Sozialhilfe, dem Jagen und Fischen sind sie fast entwöhnt.

St. Paul, eine der Pribilof-Inseln: voll geschissene Gemeinschaftswohnung der Meeresvögel – Dickschnabellummen hocken dicht an dicht auf ihrem Felsen. Daneben thronen weißköpfige Dreizehenmöwen, Taubenteiste protzen mit knallroten Füßen. Hinter Bretterwällen, durch Gucklöcher anzuglotzen, eine Seebärenkolonie: Ein Harem flossenwedelnder Weibchen umringt einen Bullen, der sich rücklings auf einem Felsen fläzt, ihre Jungen hüpfen über Steine, balgen sich, beißen. Im Zentrum von St. Paul steht die kleine weiße orthodoxe Kirche des Aleuten-Volks, das die Russen 1826 von den benachbarten Inseln zur Pelztierjagd hier angesiedelt hatten. Vor der Kirche weiße Holzkreuze und ein Mahnmal: Menschen in Schwarz, die 1942 hinter Strickgittern auf der Reling stehen, um einen letzten Blick auf ihre Insel zu werfen. Heimat – ein letztes Foto. Dann wurden sie, damit sie nicht mit den japanischen Besatzern auf den Aleuten kollaborierten, von den Amerikanern nach Zentralalaska deportiert.

Kurzer Halt auf den Aleuten-Inseln Attu und Kiska, den Schauplätzen der Kämpfe zwischen Japanern und Amerikanern. Tausende fielen im dichten Nebel, begingen Selbstmord, verhungerten oder gerieten in Gefangenschaft. Russen, Amerikaner und Japaner, wir fragen verwirrt, wer ist hier eigentlich noch alles aufmarschiert? Die Russen verscherbelten die Inselwelt entlang der Beringstraße, klärt man uns auf, 1867 für 7,2 Millionen Dollar an die USA. Auch Engländer und Franzosen hatten danach gegiert, doch sie wurden 1852 in Kamtschatkas Awatscha-Bucht von den Russen zurückgeschlagen.

Wenigstens auf unserem Schiff kennen wir uns inzwischen aus: Die Kabinen reihen sich auf 109 Meter Länge und 15 Meter Breite aneinander. Je höher man wohnt, umso luxuriöser wird es. Dreimal täglich versammeln wir uns im großen Speisesaal mit Meerrundblick und laben uns, zu Mastvieh geworden, an den Fünfgängemenüs. Der Fitness-Raum ist nur eine Durchgangsschleuse zum Aussichtsdeck, in die Sauna passen gerade mal zwei. Die Cafeteria mit Bar wartet, oft vergebens, auf abendliche Cocktailtrinker – die meisten Passagiere sind ab neun zum Schlafen in ihren Kabinen verschwunden. Hochbetrieb herrscht dafür in der winzigen Bibliothek am einzigen Computer, von dort aus verschicken wir täglich E-Mail-Grüße, damit die auf dem Festland so richtig neidisch werden.

Überall hat sich Verfall eingenistet

Die neue World Discoverer ist die veredelte Variante des alten Dampfers, der im Frühjahr 2000 auf ein Korallenriff zwischen den Salomonen lief. Die Passagiere wurden zurückgeflogen, das Schiff wurde gekapert. Zwei Jahre brauchte man, um einen Ersatz zu finden: eine finnische Ostseefähre, die in fünf Monaten in Singapur umgerüstet wurde. Seit April 2002 fährt die World Discoverer unter schottischer Flagge.

Amerika, Gott sei Dank, haben wir fast bewältigt. Der westlichste Teil der USA präsentiert sich zum Abschied noch mal von seiner Schokoladenseite. Grüngelbe Berghänge, anfangs noch unter Nebeldunst verborgen, entblößen ihre rotbraunen Adern, eine Eismöwe steht fest in der Luft, die Sonne bricht durch. Ein Tag geht flöten, weil wir die Datumsgrenze passieren, macht nicht’s, jetzt steuern wir die russischen Kommandeur-Inseln an. Sie sind, erzählen unsere schlauen Betreuer, die westlichsten in der Aleutenkette und, von Amerika aus gesehen, Russlands östlichste Grenze. Im Morgengrauen zeichnet sich die schwarze Silhouette der Beringinsel ab, darüber hängen schwarze Wolken. Kurz darauf, von Licht durchschossen, leuchten sie schon als rote Lampenschirme. Nikolskoje, das 800-Seelen-Dorf, auf Hügeln hingekauert, ist damit verglichen zunächst nur eine trübe Lichterkette. Im Gegensatz zur amerikanischen Seite hat sich hier überall der Verfall eingenistet, an verlassenen Häusern klaffen Fensteröffnungen. Auf manchen Dächern dagegen blitzen neue Wellblechhauben.

Zwei Frauen stehen auf der Straße der Oktoberrevolution: Anfang der Neunziger, erzählen sie, hätten viele Ukrainer und Weißrussen die Insel verlassen, jetzt kämen sie wieder, doch Arbeit gebe es wenig, die im Sowjetreich subventionierten Tierfarmen hätten längst zugemacht. Zweimal in der Woche fliege, wenn das Wetter mitspiele, ein Flugzeug ein. Luxusdampfer wie unserer seien selten. „Der letzte Weg“, nenne man hier die World Discoverer, „wegen der vielen alten Leutchen drauf.“ Auf der Insel seien alle Selbstversorger: Fisch, Rentierfleisch, Seehund sind reichlich da, in den Gewächshäusern gedeihen im kurzen Sommer immerhin Brokkoli, Kohl und Möhren. Wir gehen die paar Schritte zum Ufer hinunter. Neben einem Mini-Lenin im Bronzeanzug steht der Basaltgedenkstein für Vitus Bering: 1741 strandete sein Schiff, dieSt. Peter, auf der damals noch unbewohnten Insel, einen Monat später war er tot, ausgezehrt von den Strapazen der „Nordischen Expedition“. Die Westküste Amerikas, die er eigentlich suchte, hat er nur kurz gesehen – nun trägt die Insel seinen Namen. Ein Mann in Militärhosen und Pelzmütze eilt vorbei, den Blick starr nach vorn gerichtet. „Hast du was vergessen?“, fragen ihn die Frauen. „Ich hab mich vergessen“, stößt er hervor – und fort ist er, ein Fleck im Niemandsland der Tundra.

Schließlich Kamtschatka, das Sehnsuchtsziel unserer Reise. Nach den drei Tagen Sturm kommen die Nordkurilen in Sicht. Immerhin, grüne See vor Atlassowa, mit Gischtspritzern als Spitzenkante. Der Alaid-Vulkan hat uns zu Ehren eine graue Wolkenkappe mit schicken Lichtstreifen aufgesetzt. „Kommen Sie an Deck, die schöne Aussicht zu genießen“, tönt es verheißungsvoll von oben. „Sie können hier auch Seelöwen sehen“ – doch leider, wir erkennen nur pelzige Würmer auf braunen Steinen. Pech, immerzu: Den überfluteten Vulkankrater auf Jankitscha, angeblich ein Highlight der „Großen Entdeckerreise“, können wir wegen hoher Wellen nicht umrunden, in die Broutona-Bucht nicht hineinfahren, wo es eine verlassene U-Boot-Basis geben soll. So haben wir wenigstens keine Strahlungen abgekriegt.

Doch mit den Zodiacs landen wir immerhin auf Iturup. Im Fischerdorf Kurilsk stoßen wir unten auf Eternitstrand, japanische Autos und einen toten Hund, oben auf den Hügelterrassen ducken sich grün und rot gedeckte Häuser. Neben einem Neubau warten deutsche Rahmen auf Moskauer Fenster. Vor seinem neu erbauten Gotteshaus, einem grünen Steinquader mit Silberzwiebel, steht ein Pope – vor einer Woche erst ist er aus Sachalin gekommen. „Hier sehen Sie nichts“, sagt er und glättet sein spärliches Barthaar. „Doch weiter hinauf gibt’s Vulkane, heiße Quellen, Bären, Füchse – auch eine Fischfabrik mit neuester Technik. Die Siedlungen der nach dem Krieg vertriebenen Japaner haben die Sowjets platt gemacht, doch seit 1992 können die Japaner ihre Gräber besuchen.“ Wir gehen in die Kirche. Von den Wänden grüßen schlichte Ikonen. Das Gemäuer erzittert, gerade werden die letzten Balken am Glockenturm festgehämmert. Im Silberkessel schwappt heiliges Wasser. „Wir leben, wie wir beten“, sagt traurig der Pope. Die blinde Gottesmutter von Smolensk starrt ins Leere.

Information

World Discoverer:
Die beschriebene Reise findet wieder vom 4. bis zum 22. August statt, in umgekehrter Reihenfolge, von Kushiro, Japan, nach Nome, Alaska, vom 29. Mai bis zum 14. Juni (jeweils 17 Nächte auf See). Die Preise liegen je nach Termin und Kabinenkategorie zwischen 5520 und 16577 Euro pro Person. Hinzu kommen Kosten für das so genannte An- und Abreisepaket (Flüge ab und bis Frankfurt am Main, Hotels an Land) in Höhe von 2570 beziehungsweise 2390 Euro pro Person.
Von Ende Mai bis Anfang September ist das Schiff auf anderen Routen in dieser Region unterwegs. Im Frühling und im Herbst fährt die „World Discoverer“ im Südpazifik und steuert Ziele wie Bora Bora, Papeete, die Fidschis, Tonga, Papua-Neuguinea, Melanesien an. Im Winter geht’s dann in die Antarktis

Literatur:
Jürgen F. Boden, Günter Myrell (Hrsg.): „Im Bannkreis des Nordens. Auf den Spuren der Entdecker in die faszinierenden Welten des Polarkreises“; Alouette Verlag, Oststeinbek 1999; 320 Seiten, 39,90 Euro

Doris Posselt (Hrsg.): „Die Große Nordische Expedition 1733 bis 1743“; Verlag C. H. Beck, München 1990, 408 Seiten, 17,90 Euro

Jean Malaurie: „Der Ruf des Nordens. Auf den Spuren der Inuit“; Bucher Verlag, München 2001; 352 Seiten, 78,– Euro

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