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Fang den Oligarchen

Am Dienstag beginnt in London der Prozess um die Auslieferung Boris Beresowskis nach Russland. Aus dem Exil organisiert der einstige postsowjetische Strippenzieher die Opposition gegen Präsident Putin

Von Barbara Lehmann
10.05.2003 Quelle: taz.de

Es hat nie bessere Tage gesehen, das Haus Nr. 45/46 in der Londoner Savile Row. Verschämt duckt es sich in der zweiten Reihe: ein graugelber Plattenbau, gesichtslos, blass, das Dach schuppt sich bereits; davor hat sich ein Schutthaufen breit gemacht, nebenan röhrt eine Zementmaschine. Neben dem Eindringling, Parvenue aus Nachkriegszeiten, leben hinter viktorianischen Fassaden Old und New England in vornehmer Zweisamkeit. Eine Geschäftsehe, standesgemäß: Stoffballen in den Schaufenstern alteingesessener Herrenschneider, in den Souterrains senken Lohnarbeiter ihre Nadeln ins feine Tuch. Marmor, Stuck, Pilaster, umweht von blau-weiß-roten Fahnen. An einer Ecke hat sich in cooler Strenge Jil Sander eingerichtet.

„Hello“, sagt der russische Oligarch. Das Gesicht gerötet von Hast und Alkohol, fliegt er mit federnd leichtem Schritt ins Zimmer herein. Atemlos, wie immer zu spät – was soll’s, hier in der fünften Etage von Nr. 45/46 ticken die Uhren eh nach Moskauer Zeit. Boris Beresowski: einst geheimer Kremlherrscher, Strippenzieher hinter den Kulissen, der mit seinen Milliarden die Politkamarilla tanzen ließ; ein Mythos, der durch Bücher und Filme geistert. Aus Kapital, Medienherrschaft und Beziehungen webte er seinen Schattenstaat, der zeitweise mächtiger war als der echte.

Hier, in London, in der Verbannung, in die ihn Putin jagte, hat er sich als Herrscher über zweihundert Quadratmeter Büro kurz materialisiert: ein Raubtier im Exil, gebremste Energie, die sich in der Krümmung des Rückens staut. Schmale Hände, sehr kleine Füße. Da sitzt er nun, auf einem Stühlchen, das schwarze Hemd leicht geöffnet, und lächelt, charmant, charismatisch: „Fragen Sie!“

Die so genannte Verhaftung neulich? Ach, die habe doch gar nicht stattgefunden. Mitte März hatte ihn sein Londoner Anwalt informiert, es liege ein internationaler Haftbefehl gegen ihn vor, die russische Staatsanwaltschaft fordere seine Auslieferung. Am 25. März wurde er mit seinen Bürgen, Lord Bell und dem russischen Bürgerrechtler Wladimir Bukowski, auf eine Polizeiwache zitiert. Man nahm ihm den Pass ab, die Bürgen hinterlegten eine Kaution von hunderttausend Pfund. Dann konnte er gehen. Vorerst. „Die russische Staatsanwaltschaft blufft doch nur.“

Nur eine Fußnote, nicht mehr. Oder doch die vorläufige Schlusspointe einer Biografie, die den Stoff für gleich mehrere Abenteuerfilme liefert? Stimmt, sagt er, drei Leben, mindestens, habe er gelebt. Es ist der Kolportagemix, mit dem schon Dostojewski seine Romane würzte: Schuld und Sühne, Verschwörung und Anarchie, Verrat, Intrigen, Millionen aus dem Nichts, die im Wind zerstieben. Zunächst, als biederes Präludium, die 25 Jahre als Mathematiker am Renommierinstitut der Akademie der Wissenschaft.

Dann, 1989 – Bucharins Losung „Bereichert euch“ aus den Gründerjahren der Sowjetunion lebt wieder auf -, knallt er die Tür zum Forschungsinstitut einfach zu: Schluss mit der Sklavenmentalität einer Hundertdollarexistenz, den Plastikschuhen, dem Ratenkauf für einen Lüster, dem Wagen, den er sich mit einem Kollegen teilen muss. Raus aus der Obhut von Mütterchen Sowjetunion, es lebe die Verantwortung, das Risiko. „Der Sinn des Lebens ist Expansion“, sagt er frei nach Sacharow, dem Physikerkollegen.

Die bescheidene Büroetage hier hat er nur auf Zeit. Rechtschaffenheit und Biederkeit mit Hängepflanzenappeal, das Büro könnte auch das eines mittelständischen Händlers sein: Zwischendecke mit weißen Kunststoffplatten, grauer Velours und schwarze Ledersessel, ein blauweißer Hahn reckt den Porzellanhals in einer Vitrine. Auf der Fensterbank die Fotogalerie der Nächsten: Jelzin, Murdoch, Prince Michael of Kent, dazwischen ein gipserner Mini-Beresowski.

Seine Mitarbeiter trotzen der Unruhe des Chefs mit gutmütigem Gleichmut. Ruhe vor dem Sturm oder ewige Flaute? Eine Babuschka bringt Tee. Der kleine Konferenzraum, in dem wir sitzen, ist nichts sagend wie ein Schuhkarton. Ob sein erstes Büro als Autohändler wohl auch so war? Er und die Kumpane, die sich damals zusammenfanden – darunter auch Juli Dubow, sein ehemaliger Institutskollege, der jetzt in London mit ihm verhaftet wurde -, lebten zunächst auf Pump, das Gehalt der Mitarbeiter wurde durch den Verkauf des Mobiliars finanziert. Logowas, seine erste Firma, nutzte die Gesetzeslücken der dahinsiechenden Planwirtschaft: Ein internationales Zwischenhändlernetz, das zumindest auf dem Papier bestand, brachte all die heiß begehrten Shigulis und Ladas des Automobilmonopolisten AwtoWas weit überm staatlichen Festpreis an den Mann, bevor der freie Markt überhaupt zugelassen war. Glücksritterkapitalismus, ursprüngliche Akkumulierung des Kapitals! „Lüster, Limousinen, Auslandsreisen, die konnte ich mir nun im Dutzend leisten. Klar, das war ein Schock – auch ich bin ja ein Kind des egalitären Paradieses“, sagt er wie ein kleiner Junge, den man beim ersten Sex ertappt. Konkurrenzkampf, Einsamkeit, Entwurzelung. Viele Oligarchen seien unglücklich geworden. Er rettete sich durch neue Ziele.

Goldgräberstimmung, vorwärts! Die Aluminium- und Ölgiganten, Kronjuwelen des untergegangenen sowjetischen Imperiums, hat er bei den folgenden Privatisierungen zu einem Spottpreis abgestaubt, sich auch Aeroflot als Riesenmelkkuh einverleibt. Bald schon war er ein russischer Murdoch, ein Medienzar: Der landesweit sendende Fernsehkanal ORT wurde von ihm kontrolliert, flugs waren auch die wichtigsten Moskauer Tageszeitungen und Journale in seiner Hand. Und auf ging’s in die Politik, ins dritte Leben! Nur sie, sagt er, habe damals dem Business Schutz geboten. Zunächst finanzierte er, der mit Jelzins Tochter Tatjana studiert hatte, die Memoiren von Putins Vorgänger, dann ermöglichte er dessen zunächst aussichtslose Wiederwahl. Er, der tief in die russische Volksseele blickt – es ist ja auch seine -, hat damals zunächst in Davos den Schulterschluss der verfeindeteten Oligarchen organisiert, dann mit brutalen Mediengeschossen das Gespenst einer wiederkehrenden kommunistischen Diktatur beschworen.

„Dass das Volk wählt, ist eine Illusion. Die Wahl wird ihm vom Kapital diktiert. In Russland nicht anders als im Westen.“ Er, aufgewachsen mit dem Traum vom sagenhaften Westen, den er später als Ersatz fürs kommunistische Utopia verkaufte und für sich realisierte, hat das Wunschbild längst nach der realen Vorlage retuschiert. Leben: Illusionen, manische Höhenflüge, die einen antreiben. Dann: Innehalten, Korrekturen. Der Feinschliff der Ernüchterung.

Die Tür geht auf. Eine Mitarbeiterin guckt rein. Nein, er winkt ab. Er hat sich zwei Stunden Zeit genommen. Wenn er etwas macht, dann richtig – geradlinig, mit polternder Direktheit. Was ist’s, das Business und Politik verbindet? Im Business habe er gelernt, die Wahrheit zu sagen. Das habe ihm, so absurd das auch klinge, auch in der Politik geholfen. „Zu lügen ist nicht rational“, sagt er, dessen Gegner schon eine Lüge wittern, wenn er bloß Guten Tag sagt.

Beim Aufsteiger Putin allerdings, den er als Russlands neuen starken Mann mitinszenierte, ist er mit seiner Unverblümtheit gestrandet. Als er, der Königsmacher, dem neu gewählten Herrscher ganz naiv mit der Forderung nach einer starken Opposition kam, ihn zudem im ORT während des Untergangs der „Kursk“ ferienvergnügt in Sotschi zeigte, konterte der mit einem Haftbefehl: Veruntreuung von Aeroflotgeldern und Betrug bei den Konzernprivatisierungen, Steuerhinterziehung; nichts Neues also, die gleichen Anschuldigungen waren schon unter Jelzin niedergeschlagen worden. Auch die Klage, mit der die russische Staatsanwaltschaft nun auf seine Auslieferung drängt, stammt aus der Mottenkiste der Jelzinzeit: Zweitausend Wolgas sollen er und sein Kompagnon Juli Dubow dem Autogiganten AwtoWas 1994/95 gestohlen haben. Unterordnen will er sich nicht, damals so wenig wie heute. Statt im Lefortowo, dem Moskauer Geheimdienstgefängnis, sitzt er lieber im Exil. Eins zu null für Putin. „Putin“, sagt er, „ja, das war mein größter Fehler.“ Aber die Psychologie ist nun mal seine Achillesferse. „Ich verstehe die Menschen nicht.“ Scheiterte er deshalb im taktischen Spiel der Politik?

Stopp mal! Die Batterien für den Rekorder sind leer. Der Oligarch springt auf, flitzt durch die Tür, nach zwei Sekunden ist er mit einem Adapter wieder da, flugs hat er alles installiert. Nein, den Medienbildern – grauer Kardinal, Rasputin, Machiavelli des Kreml -, die er vielleicht selbst lancierte, entspricht er wenig. Zu konventionell als Denker, zu gebildet als Geschäftsmann, zu naiv als Politiker, zu egozentrisch als Familienvater, zu klug als Playboy, zu sinnlich als Wissenschaftler – aus jedem dieser Rahmen guckt er verzerrt. Wie sieht er sich selbst? Als Napoleon auf St. Helena? Trotzki in Mexiko? Er lacht: „Ich bin kein Rebell, kein Dissident, kein Triumphator, erst recht kein Opfer. Das Wichtigste ist, den eigenen inneren Kammerton zu vernehmen. Ich bin mir immer treu geblieben.“

Angst, nein, die hat er nicht. Zwei Beamte von Scotland Yard waren neulich hier und haben ihn im Beisein seines Anwalts vor einem vom Moskauer Geheimdienst FSB bestellten Attentat gewarnt. Aber soll er jetzt sein Office unter Polizeischutz stellen lassen? Lächerlich. Sein junger Leibwächter, der schief lächelnd hinter einer schwarzen Theke am Eingang hockt, hat einen schweren Job: Sein Chef, flink, impulsiv, spontanen Reflexen folgend, entwischt ihm immer wieder.

Fünfzehn Mal, Beresowski hat’s genau gezählt, hätte er schon tot sein müssen. Der Kampf ums schnelle Geld wurde seinerzeit beim Autokrieg blutig ausgetragen: eine Epidemie von Morden, Selbstmorden und Anschlägen überzog Mitte der Neunzigerjahre das Land. Mal hing an seiner Haustür eine Granate, mal flog vor ihm in seinem Mercedes 600 der Kopf seines Chauffeurs in die Luft. Einmal, auf dem Flug von Moskau nach Paris, musste sein Flugzeug mit brennenden Motoren in Düsseldorf landen.

Doch auch er selbst hat oft genug sein Leben aufs Spiel gesetzt, aus Fahrlässigkeit, aus Lebensgier: Aus einem Schneemobil, mit dem er nachts betrunken mit 150 Sachen durch die Gegend peste, fiel er raus – und brach sich wundersamerweise nur das Schlüsselbein; einmal hat sich sein Auto in der Luft überschlagen. In der Kindheit wollten ihn Männer zweimal in ihr Auto zerren. Seine Mutter hat’s im letzten Moment verhindert. Die Erfindung der Biografie als Actionfilm: Versuchungen, Mutproben, mit denen die Götter ihren Liebling zeichnen. Egal, wir sind ohnehin nur das, was wir sehen.

„Ich wusste immer“, sagt Beresowski, „dass ich der Beste bin.“ Nicht in der Wissenschaft, leider, da konnte er sich seinerzeit noch so sehr den Alkohol verkneifen, zum Nobelpreis hat’s nie gereicht. Dabei hat er bravourös die sowjetische Wissenschaftskür hingelegt: Promotion, Habilitation, Forschungen zur Entscheidungstheorie, über hundert wissenschaftliche Publikationen, drei Monografien; sein Staat dankte es mit dem Ritterschlag zum Korrespondierenden Mitglied der Akademie.

Im Business war er sofort die Nummer eins. Blitzschnell erfasst er eine Situation und hat sie bereits klassifiziert, bevor die anderen das Problem überhaupt sehen. „Ich finde immer, ich hätte mehr tun können. Trotzdem: Ich würde denselben Weg noch einmal gehen.“ In Deutschland würde so einer wie er gleich abserviert: zu querköpfig, zu unberechenbar, zu wenig paragrafenhörig. In London ist er ein Paria, ein Laufbursche mit ein paar Milliarden. In Russland, dem Land der permanenten Revolution, das westliche Ideen nicht nur importiert, sondern sie, ins Maßlose gesteigert, auch realisiert, bewegt er sich in seinem Element, ein Haifisch im Raubfischbecken.

Sein ideologischer Bauchladen aus Liberalismus, russischem Patriotismus und den Zehn Geboten, scheint auf den ersten Blick so beliebig, dass er für jede Strategie das Feigenblatt liefern kann. Er schafft es, auch daraus ein Programm zu schmieden. In Russland sei, auch wenn Putin gerade das Rad zurückdrehe, die Revolution ja eigentlich abgeschlossen gewesen. Jetzt sei die eher langweilige evolutionäre Phase dran. Die Menschen müssten, Schicht um Schicht, ihr Sklaventum abstreifen.

Wichtig sei allerdings, die äußere Freiheit innerlich zu begrenzen, dafür seien die Zehn Gebote gut. Hat er oft gegen sie verstoßen? Nein, er ist gläubig, orthodox. Wirklich? „Frei ist, wer sich selbst beschränkt.“ Braun gebrannt ist er, die Haut erstaunlich glatt für einen 57-Jährigen. Er notiert sich die Fragen wie ein Musterschüler, präzisiert, fragt nach. Die Zunge kommt oft gar nicht mit, so schnell sind die Gedanken, die Wortkaskaden überschlagen sich.

Die Fehde mit Putin hat ihn nicht nur mehrere Vermögen gekostet, sondern auch den politischen Einfluss, sein größtes Kapital. Die Aktienanteile an Aeroflot und den ehemaligen staatlichen Schlüsselindustrien hat er abstoßen müssen, die Kontrolle über ORT und andere Medien eingebüßt. Er nimmt’s auch als einen Verrat alter Freunde. Putin kennt er immerhin seit 1992, als der noch ein kleiner Geheimdienstler war. Dabei hat er doch früher gesagt, ein Finanzinstitut habe keine Freunde und Feinde, nur zeitweilige Verbündete und Rivalen.

Ein Teil des Business ist in Russland geblieben, vor Putin verborgen, ein Teil ist im Ausland wieder auferstanden. Auch sein eigenes verschlungenes Macht- und Geschäftssystems hat ihn zu Fall gebracht. Putin, sein Geschöpf, hat ihn leicht nach Zarenmanier dem Volk zum Fraß vorwerfen können: „Fass den Bojaren.“ Danach schloss der neue Kreml-Chef mit den anderen Oligarchen Frieden. Früher zählte das Wirtschaftsmagazin Forbes Beresowski zu den hundert Reichsten. Längst haben ihn andere Oligarchen überrundet.

Er sehnt sich nach Russland, den Freunden, dem Schnee. Russland, das ist wie ein alter Teddy, den man mit sich rumschleppt seit Kindertagen. Russland, das ist der Dünger für sein Talent, seine gigantische Bühne. Nur in Moskau ist Energie, kollidieren disparate Elementarteilchen mit biblischer Wucht. Russland, das sind nicht zuletzt mysteriöse Familiengeschichten, wie seine, wo das Staubkorn des Einzelnen von Anbeginn an im Licht der Historie erglänzt: Als kleiner Junge hat er immer auf dem Dorf, im Haus der Großeltern, mit Stalins Enkel gespielt. Jetzt haben seine erste Tochter – er hält kurz inne, er hat ja fünf Kinder von drei Frauen -, Lisa also, und der Sohn dieses Stalinenkels ein Kind, Sawa. Sein erster Enkel ist Stalins Ururenkel; voilà, man erkenne die Zeichen!

Früher hatte er fast das ganze Land zum Feind, mehr können’s nicht werden, jetzt rufen manche schon nach seinem Geist der Verneinung. Das Exil hat ihn populär wie nie gemacht. Der Schlüsselroman des Geschäftsfreundes Juli Dubow über die ersten Jahre des Big Deal war ein Bestseller, Pawel Lungins Verfilmung des Buchs „Der Oligarch“ im vergangenen Herbst ein Kassenschlager. Der wahre Held hat’s nur aus der Ferne mitgekriegt.

London, das ist längst das vierte Leben. Hier hat er sich auf einem 85 Hektar großen Domizil mit Familie Nr. 3 längst eingerichtet, auch Familie Nr. 2 mit Tochter und Sohn ist hier. Immerhin, jetzt ist er ein guter Vater, er geht auf Elternversammlungen, hält Vorträge in Oxford. Konzerte, Kino, Theater, einmal war er auch beim Wimbledonfinale. Gleichwohl, England, das er mag, muss Putin bei Laune halten, deshalb wohl gibt man nur der Familie eine Aufenthaltsgenehmigung und verweigert ihm das politische Asyl. Ausliefern wird ihn England aber kaum – selbst im schlimmsten Fall dieser oft langjährigen Verfahren gibt’s ja noch den Berufungsweg über die Instanzen, bis hin zur Chamber of Lords.

Er liest viel, den Nobelpreisträger Joseph Brodsky, grübelt über den Lebenssinn. Vor der Verhaftung ging’s auch mal im Privatjet in sein Château am Cap d’Antibes. Jetzt darf er England nicht mehr verlassen. Einfach im Reichtum ruhen, Jetset spielen, auf seiner Jacht die Kunstschickeria, Models aufmarschieren lassen – das reicht ihm nicht. Ein Renaissancemensch ist er, ein Faust, den wissenschaftlicher Forscherdrang und humanistisches Pathos antreiben. Gäbe man ihm die Weltherrschaft, er würde nach dem Kosmos streben.

Präsident in Russland hätte er allerdings nie werden können, seine kleine Gestalt, das schwarze, schüttere Haar, die gebogene Nase bedienen dort sämtliche antisemitischen Klischees. Er spielt’s herunter. Von seinem Judentum habe er erst spät erfahren, wann genau, dazu hat er schon unterschiedliche Versionen geboten. An der MGU, der Moskauer Staatsuniversität, wollte man ihn, den Champion der Mathematik, zuerst nicht aufnehmen. Er hat sich immer mehr anstrengen müssen als die Russen. Auch wenn er’s bestreitet: Das Gefühl der Revanche war wohl immer ein Antriebsmoment.

Gewissensbisse, klar, die spürt er schon. Schließlich hat er, da bleibt er vage, Millionen Menschen Leid zugefügt. Aber soziale Empathie ist nicht sein Metier, er ist eher Darwinist, keine Mutter Teresa – und der Kollaps seines Staates, der den Einzelnen verkrümmte, scheint ihm ja Recht zu geben. Auch er hat seinen Tropfen Skavenblut noch nicht aus sich herausgepresst.

Unruhe, Verantwortung für Russland fühlt er gleichwohl. Die früheren Wutausbrüche gegen Putin sind der Analyse gewichen: Die Revolution der Neunziger werde Schritt für Schritt zurückgenommen: Putin habe erst die Vertikale der Macht errichtet, dann die Vertikale der Massenmedien. Jetzt, zu guter Letzt, schaffe er die Vertikale des Business. Bald sei die Nationalisierung strategisch wichtiger Objekte dran. Für ihn gibt’s keinen Zweifel: In Russland feiern momentan die totalitären Strukturen ihr Revival. Und Putin sei dabei längst nicht mehr der Motor, sondern nur noch stummer Zeuge.

Der Oligarch im Exil: ein Leben auf der Überholspur, plötzlich angehalten. Doch es ist wie nach einer langen Krankheit: Irgendwann tritt man wieder vor die Tür und sieht verstört, dass das Leben auch ohne einen weitergegangen ist. Man hält inne, kommt ins Grübeln, meint, man habe etwas dazugelernt – und dann wiederholt man verbissen die alten Fehler.

London, das sind vor allem Treffen, Telefonate, Manifeste gegen Putin. Gerade eben hat er mal wieder eine Pressekonferenz organisiert, Seite an Seite mit Sergej Kowaljow, dem Bürgerrechtler – auch einer, der sich in Putins gelenkter Demokratie längst ins Abseits manövrierte. Im Verein mit Kowaljow hat er da seinen alten Vorwurf, der russische Geheimdienst FSB habe seinerzeit die Sprengstoffanschläge auf die Moskauer Wohnhäuser verschuldet, mit einem neuen Verdacht aufgepeppt: Auch bei der Geiselnahme im Moskauer Nordosttheater habe der FSB mitgemischt, um, damals wie heute, den Tschetschenienkrieg zu legitimieren. Eine Untersuchungskommission, mit Kowaljow an der Spitze, will er nun finanzieren. Kurz nach der Pressekonferenz flatterte der russische Auslieferungsantrag auf Londons Behördentische. „Keine Frage“, sagt Beresowski, „mein Fall ist ein politischer.“

Eine Opposition gegen Putin schmiedet er nun obsessiv von London aus. Dafür scheut er keine Kosten, keine Mühe, keine ideologische Verrenkung, kein noch so abwegiges Bündnis. Alexander Prochanow, Redakteur der nationalistischen Zeitung Sawtra, der ihn in seinem Erfolgsroman „Herr Hexogen“ dämonisierte, wird ständig eingeflogen. Im wackligen Gleichschritt marschiert er nun mit seinen einzigen Feinden, Kommunisten und Patrioten, deren angeblich drohende Machtergreifung er noch vor wenigen Jahren zum Untergang Russlands stilisierte. „Sicher“, gibt er zu, „es ist ein fragiles Bündnis, taktisch, auf Zeit.“ Schlecht gehalten von einem vagen Patriotismus, der im Vielvölkerstaat Russland immer als Notnagel diente, wenn die Machtpolitik am Ende war. Linke, Rechte und Radikalliberale, die letzten Mannen des Widerstands, vereint vor allem das Dagegen: gegen Putin, gegen den Tschetschenienkrieg, gegen eine Verfassungsänderung zu sein. Doch schon bei der Frage des Staatseigentums rennt jeder in eine andere Richtung.

Im Herbst, ließ er unlängst über eine Telebrücke nach Russland bekannt geben, werde der Präsidentschaftskandidat der Opposition benannt, er selbst werde für die Partei „Liberales Russland“ für einen Sitz in der Duma kandidieren. Die jüngsten Aktivitäten der russischen Staatsanwaltschaft seien die Antwort drauf: „Der Einzige, der vom Kreml nicht kontrolliert wird und die Opposition finanzieren kann, bin ich.“

Am Dienstag jedoch, dem 13. Mai, geht’s erst mal wieder zum Gerichtstermin. Er fühlt sich gefeit: Sein Wissen über Putin ist im Westen seine beste Lebensversicherung. Aber ist Putins Wiederwahl nicht längst entschieden? Aus Beresowski, dem Tragödienhelden, könnte leicht der Pausenclown werden.

Graue Nachtschleier sind über die Stadt gefallen. Ein paar Meilen entfernt verschwindet die Kuppel von St. Paul hinter Dämmerschwaden. Am Themseufer gehen die Häuser als Lichtpunkte auf. Man sieht Menschenschemen, hört Schiffssirenen – wie in Moskau, nur steht da mit einer Mütze aus Gold die Erlöserkathedrale. Beresowski schaut auf die Uhr, jetzt nur noch eine kurze Frage. Die Freundlichkeit ist abgefallen, er zeigt sein kaltes Schattengesicht. Der kleine Mann, der schon als Junge gerne raufte, will seine Rolle für Russland zu Ende spielen. Das Dachgeschoss in der Savile Row ist nur ein Punkt am Abendhimmel. Und wir sind bloß Luftgeister im Fensterspiegel.