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Der Tschetschenienkrieg im Hotel

Folgenlos in Moskau: Der internationale PEN tagte

Von Barbara Lehmann
31. Mai 2000 Quelle: DIE ZEIT, 23/2000

Verschanzt vor der russischen Öffentlichkeit, tagte der 67.

Internationale PEN-Kongress eine Woche lang im feinen Moskauer Radisson Slavjanskaya Hotel. Gelegentlich öffneten sich die Türen dieses Luxustempels des Neuen Russlands einen Spalt breit für die vorwiegend westliche Presse.

Dann sonnte sich die gastgebende Altherrenriege des russischen PEN, die ihr im eigenen Land schwindendes Prestige der Glorie einstiger Unduldsamkeit gegen das Sowjetregime verdankt, im Blitzlichtfeuer der Fotografen und lieferte floskelhafte Forderungen nach Pressefreiheit und Einstellung der Kämpfe in Tschetschenien ab.

Gerade weil der PEN-Kongress in einem Krieg führenden Land stattfand, hatte man mit den eleganten Besen des Radisson-Hotels alle Konflikte vor die Tür gekehrt. Statt sich einzumischen in das Leben der Stadt, Gesprächsforen außerhalb des Hotels zu suchen, kontrovers zu diskutieren mit maßgeblichen Repräsentanten wie Alexander Solschenizyn, redeten die über 200 Deligierten aus 78 Ländern nur von der hohen gesellschaftspolitischen Mission des Schriftsteller-Priesters. Doch den schönen Worten folgten keine Taten. Das Kongresstheater verlief nach einer im Vorfeld lang geplanten Dramaturgie.

Günter Grass verurteilte pflichtgemäß in seiner Auftakt-Rede die „Großmacht Russland“, die „gegen das kleine Volk der Tschetschenen Krieg führt“, und endete mit der Forderung nach Einstellung der Kämpfe.

Der russische PEN legte einen Resolutionsentwurf gegen den Tschetschenienkrieg vor, in der die Aufhebung der Kriegszensur verlangt und Präsident Putin zur Aufnahme von Friedensverhandlungen aufgefordert wurde.

Erwartungsgemäß segnete die Delegiertenversammlung am Ende diese Resolution ab. Und so konnte der russische PEN-Präsident Andrej Bitow den „würdevollen, produktiven Kongress in Moskau“ preisen, der sich im „Kampf um die Freiheit des Wortes“ bewährt habe.

Dabei war dieser erste Moskauer PEN-Kongress vor Beginn sehr umstritten.

Schon in Warschau, beim letzten Kongress, waren Bedenken gegen Moskaus politisch-mafiose Strukturen laut geworden. Nach Beginn des Tschetschenienkrieges befürchteten viele, die russische Regierung werde die Veranstaltung als Propagandawaffe instrumentalisieren.

Das Kongressmotto „Freiheit der Kritik und die Kritik der Freiheit“ galt nicht für die Journalisten. Rüde wurde ihnen der Zutritt zu den Delegiertenversammlungen und Komiteesitzungen verwehrt. Die russische Öffentlichkeit wird von dem Kongress ohnehin nicht viel erfahren. Die Mehrzahl der Gazetten schwieg beispielsweise die Rede von Grass einfach tot.

Das Niveau der wenigen zugänglichen Veranstaltungen zeigte, wie unzeitgemäß die gastgebende Dissidentenschar inzwischen ist. In einem literarischen Abend des Rahmenprogramms, moderiert von dem in weißes Tuch gehüllten Tauwetter-Barden Andreij Wosnessenskij, hatte die Dichterin Anna Achmadulina einen gespenstischen Auftritt: Die 64-Jährige, gekleidet in schwarzen Samt mit schmetterlingshafter Gürtelschleife, trug in mädchenhaftem Singsang ihre Liebeserklärung an den unter Stalin ermordeten Dichter Ossip Mandelstam vor und empfahl sich gleichzeitig dem Maler Raffael als zärtliche Schwester im Geiste.