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Jetzt haben sie es doch getan

Vier Jahre ist es nun her, dass dieser Anruf kam: Ihre Eltern haben gemeinsam Suizid verübt, sagt der Kriminalbeamte. Die Spurensuche führt auf bislang unbeschrittenes Terrain. Eine Reise in die eigene Vergangenheit

Von Barbara Lehmann
30. August 2001 Quelle: DIE ZEIT, 36/2001

Das Klingeln des Telefons durchschnitt die Stille. Hier ist die Kriminalpolizei Köln. Ihre Eltern Karl und Christa Lehmann sind vor einer Woche in einem Hotel tot aufgefunden worden. Sie haben gemeinsam Suizid verübt. Die Sätze bohrten sich durch den Körper der Tochter. Computermonitor und Tastatur auf dem Schreibtisch wuchsen und rückten bedrohlich auf sie zu.

Das Zimmer kippte. Ihr Kopf war ein schwarzer Ball, der gegen die Wände stieß. Jetzt hatten sie es also doch getan.

Fast vier Jahre sind seitdem vergangen. Die Akten sind studiert, die Orte besichtigt, die Menschen, die sie zuletzt gesehen haben, befragt. Doch die Rekonstruktion des gemeinsamen Freitodes der Eltern bleibt Stückwerk, nur die Tochter führt das Gespräch zwischen den Toten und Lebenden. Wenigstens im Traum sind sie ihr ständig vor Augen. Lebendig, jung, fast heitere Rückkehrer aus dem Tod, den sie ihr selbstbewusst als Täuschungsmanöver verkaufen, wenn sie sie in wütenden Traumtiraden der Rücksichtslosigkeit bezichtigt.

Rücksichtslosigkeit vor allem ihr gegenüber, dem einzigen Kind.

Vielleicht war es ja so: Zum Schluss waren sie nur noch Getriebene, beherrscht von ein paar manisch repetierten Worten, die gegen die Schädeldecken hämmerten: Finanzielle Not, der Gang zum Sozialamt droht, für einen Neubeginn zu alt. Der Entschluss stand seit Wochen fest, der Termin war gesetzt, die Zeituhr tickte. Bloß nicht nachdenken. Alles durchplanen.

Das Leben ist verpfuscht, dann wird wenigstens der Abgang perfekt organisiert. Und viel war zu tun: Ein Auktionator wurde bestellt, die Wohnung gekündigt, der geleaste Audi zum Händler zurückgebracht. Wir gehen auf eine lange Reise. Ordnung muss sein. Die Wohnung wurde geputzt, sodass die zeitlebens vergötterten Dinge ein letztes Mal über die Lebenden triumphierten in all ihrem Glanz.

Wie war wohl ihr letzter Tag? Die üblichen morgendlichen Rituale: gemeinsames Frühstück im Bett, Zeitungslektüre, Ankleiden. Wir haben alles im Griff. Der Blick der Mutter streift den Spiegel: Das feine graue Haar sitzt heute nicht wie sonst, egal. Sie ist die treibende Kraft, sie gibt die Befehle, der Vater gehorcht, wie immer in 44 Jahren Ehe. In dem Abschiedsbrief an eine Notarin trifft sie die letzten Verfügungen: Man möge ihre Urnen im Familiengrab in Thüringen beisetzen, bei der Beerdigung solle nur der Pfarrer anwesend sein.

Dann schreibt sie das Testament, setzt als Alleinerben einen Fremden ein. Das Wort Selbstmord fällt in den Schriftstücken nicht. Ihr Tod möge als Unglücksfall behandelt werden, bestimmt sie. Der Vater signalisiert jedes Mal Zustimmung in schrägen, leicht zittrigen Krakeln. Sitz nicht rum, mach schon, na los. Er schnürt alles in gewohnter Pedanterie zu einem Päckchen, fügt Schmuckstücke und die Wohnungsschlüssel hinzu, macht sich auf zur Post.

Fort mit den Adressbüchern, schert sich doch eh keiner um unseren Tod! Alles muss weg: die Lebensmittel, die Frühstücksreste, der Badezimmerabfall – dass hier später bloß nichts riecht! In eine alte braune Reisetasche packt der Vater einen Föhn und eine Toilettentasche, obendrauf legt er eine Plastiktüte mit einem ordentlich zusammengefalteten dreipoligen schwarzen Stromkabel, dessen eines Ende blank liegt. Sie betreten die marmorgesäumte Hotelhalle, bezahlen im Voraus 420 Mark für ein Doppelzimmer, geben an der Rezeption eine Postkarte an die Notarin ab: Wir sind im Zimmer 525. Das Schild Bitte nicht stören wird an die Hotelzimmertür gehängt. Der Vater schließt den Föhn an den 220-Volt-Stecker neben dem Badezimmerspiegel an, prüft, er geht. Die beige Sitzbadewanne ist schnell gefüllt. Sie ziehen sich aus, quetschen sich nackt in die kleine Wanne, setzen sich einander gegenüber, ungelenk ineinander verkeilt. Schauen sich an. Loslassen. Über den Wolken. Gott, steh uns bei. Der Föhn fällt in die Wanne. Stromschläge. Aus. Vorbei.

Der Schein bestimmte das Sein

Die Theatralik der Inszenierung katapultierte sie für einen kurzen Moment ins Medienlicht: Ehepaar tot in Hotel-Badewanne meldete als Titelschlagzeile der Kölner Express.

Der Anblick der schon verwesenden Leichen im Wasser sprengte die bürgerliche Fassade. Der Schein war für Karl und Christa Lehmann zeitlebens ihr Sein, die Kulisse des Wohlstands bildete ihr Lebenselixier. Durch die Trümmerkrater des Nachkriegsdeutschlands wurde die schöne junge Christa Adloff im Mercedes chauffiert. Als Frühwaise war sie Alleinerbin der Thüringer Gummifabrik C. A.

Adloff, eines Millionenbesitzes im Thüringer Wald. Ein Onkel arrangierte 1949 das erste Rendezvous mit Karl Lehmann: Gerade aus vierjähriger sowjetischer Kriegsgefangenschaft heimgekehrt, impotent, krank, traf er sie in seinem besten Anzug mit großem Hut bei einem Berliner Couturier. Er stellte sich auf die Zehenspitzen und sagte kindlich: Ich bin der Karli. Sie verlobten sich.

Karl Lehmann, ausgestattet mit Sportwagen und einer großzügigen Apanage, studierte in Krefeld Textilingenieurwesen, um die Gummiwerke zu übernehmen.

Doch die Feste in der weißen Walmdachvilla gegenüber der Fabrik hatten bald ein Ende: 1953 führte das Finanzministerium Berlin eine Betriebsprüfung durch, fand angebliche Verstöße gegen die Wirtschaftsgesetze der DDR und drohte mit einer Durchsuchung durch die Wirtschaftskommission. Christa Adloff floh mit einem Koffer voll Familiensilber und Dokumenten über den Berliner Anhalter Bahnhof.

Ein Neuanfang: Karl Lehmann baute in den nächsten Jahren mit seinem Vater im westfälischen Dorsten die in Sachsen gleich nach dem Krieg enteignete Kofferfabrik wieder auf. Doch 1966 musste die Firma Vergleich anmelden.

Hysterie, Tränen, dein Vater ist ein Versager, wir müssen uns trennen – dramatische Szenen vor einem verwirrten Kind. Eines Abends nahm die Mutter die kleine Tochter zu sich ins Ehebett, morgens lag sie reglos neben ihr. Das Geschrei des Kindes hat wohl die Nachbarn alarmiert, jedenfalls pumpte man der Mutter im Krankenhaus die Schlaftabletten aus dem Leib. Doch darüber sprach man nicht. Eine gläserne Wand schob sich unmerklich zwischen die Welt und die Tochter.

Der nächste Neuanfang: ein Wohnpark bei Köln. Der neue weiß gekachelte Bungalow, den die Familie bezog, hatte sogar einen Swimmingpool, in den Wohnsilos daneben wohnte das Volk, Typen mit Bärten und Arbeiterhosen, wie der Vater sagte, mit denen hatten sie nichts zu tun, sie verkehrten nur mit den Chefs aus den Bungalows. Der Vater fuhr von früh bis spät als Handelsvertreter für Koffer durchs Land, die Ehefrau jagte pünktlich ab acht Uhr morgens dem Staub hinterher und lehrte das ungezogene Kind, immer wieder auch mit Rohrstock und Hausarrest, wie man sich anständig zu benehmen hat.

Wenn sie sich mal Ruhe gönnte, träumte sie der Heimat nach. Abends und an den Wochenenden machte der Vater im Garten mit dem Löwenzahn kurzen Prozess oder verzog sich in den Keller, um Kofferrahmen zu basteln, denn auch er war, wie seine Frau, etwas Besseres, ein Erfinder eben, blöd nur, dass das keiner kapieren wollte. Ewig gab’s Ärger mit Vorgesetzten und Kunden, denn Karl Lehmann, aufbrausend und querulantisch, hatte immer Recht. Wenn alle mal wieder gegen ihn waren, rannte er in die Garage mit einem Strick und drohte an, dass er sich erhängen wolle. In die Zone wurden Pakete mit Kaffee und Orangen geschickt, ab und an tauchten von dort ältliche, muffig riechende Tanten auf, die man küssen musste, na gut, immerhin passierte so mal was. Den Urlaub verbrachte man zweimal im Jahr selbstverständlich nur in Luxushotels, dann führte die Mutter ihre Garderobe, den Schmuck und die Krokotäschchen aus, und der Vater bewunderte sie, guck nur, die Königin. Ihnen ging’s eigentlich ganz gut, na und im Vergleich zu denen da drüben sowieso: Vom Lastenausgleichsamt bekamen sie eine dicke Entschädigung, davon wurde ein Hausbau angezahlt, und jetzt hatten sie endlich auch ein Hallenbad.

Von oben in der Diele schaute die Urgroßmutter auf ihre Nachkommen herab mit Hakennase und strengem Firmengründerinnenblick, mit dem sie der Mutter als Kind zu verstehen gab, dass sie besser nicht auf die Welt gekommen wäre, denn die Fabrik sollte ungeteilt einmal der ältere Bruder übernehmen. Und überhaupt: Mädchen, die pfeifen, und Hühner, die krähn, denen soll man beizeiten den Hals umdrehn.

Die Tochter durfte endlich gehn, sie studierte in München Theaterwissenschaft. Ende der siebziger Jahre war es nun, der linke Zeitgeist mischte sogar die Schlafstädte des Kölner Umlands auf, die Mutter war ihr Hausfrauendasein leid, studierte mit 50 Jahren Sozialarbeit an der Fachhochschule in Köln und büßte damit für ihre großbürgerliche Vergangenheit. Sie arbeitete sogar als Sozialarbeiterin, bei einer Nervenärztin – ihre beste Zeit. Aber der Vater verlor seine Arbeit. Sie lebten vom Verdienst der Mutter und zogen in eine Mietwohnung nach Köln, die war großzügig geschnitten und mit Rheinblick, immerhin. Rentenanspruch 500 Mark: aus der Soldaten- und Kriegsgefangenschaftszeit.

Das letzte Bild: Mutter in Mohair

Doch es kam noch mal alles anders, zum letzten Mal. Mit der Wende fuhren die Eltern – ein älteres Ehepaar in funkelnder Karosse – im idyllischen Tabarz am Inselsberg ein, das nun wieder ein Kurort sein wollte. Hier waren sie wenigstens wer, wo doch früher der halbe Ort bei ihnen gearbeitet hatte.

Träume von Rückübertragung des Besitzes, wohin nur mit all den Millionen, am besten, die Tochter studiert schnell Betriebswirtschaft. Doch die Produktion der einstigen Gummifabrik, in DDR-Zeiten Teil eines VEB-Verbunds, wurde eingestellt.

Die Mutter bekam nach dreijährigem Papierkrieg ihr Wohnhaus und die stillgelegte Fabrik zurück. Der erste Gang über das 20 000 Quadratmeter große Gelände führte durch Ruinen. Allein der Abriss baufälliger Hallen und die Beseitigung der Altlasten sollte 1,2 Millionen kosten. Zum Schluss war die Mutter nur noch als Abwicklerin gut. Das alte Kesselhaus, der Schlauchsaal und Türmchenbau sind abgerissen, es ist nun ein fremdes Grundstück für mich, schrieb sie traurig in einem Brief. Der Verkauf der stehen gebliebenen Hallen im zum Gewerbegebiet erklärten Terrain ging schleppend voran, zumal die Situation der Handwerker im Ort trostlos war.

Die Wohnung in Köln konnten sie nicht mehr bezahlen. Das Wohnhaus musste, laut Vertrag mit der Gemeinde Tabarz, mit 360 000 Mark saniert werden, und zwar bis Ende 98, sonst drohten hohe Geldstrafen. Doch die Käufer blieben aus, die Schulden wuchsen, sie waren bankrott.

Und das sind die letzten Bilder, die die Tochter von ihnen hat: Die Mutter im grauen Mohairmantel tritt zur Wohnungstür hinaus, wendet sich um, lächelte müde, angespannt, denn ihr steht ein Gang zur Kreissparkasse bevor, wo sie mal wieder um einen Kredit betteln muss. Der Vater, ein kleiner, gepflegter alter Herr mit Hut, rennt winkend auf dem Kölner Bahnhof dem Zug nach Berlin hinterher. Die Tochter wusste, sie würde sie nicht wiedersehen.

Ein letztes Telefonat mit der Mutter, ein paar Monate später, führte zum endgültigen Bruch. Dein Vater und ich wollen uns umbringen, damit dir noch ein Erbe bleibt, sagte sie da. Mein Leben ist verpfuscht. Diese Worte schnürten der Tochter die Kehle zu. Die Welt wurde, wie schon in der Kindheit, ein schwarzer Trichter, der sie in sich aufzusaugen schien.

Unsere Tochter hat den Kontakt zu uns abgebrochen, schrieb die Mutter am Vortag ihres Todes in ihrem Abschiedsbrief. Sie darf auf keinen Fall benachrichtigt werden. Unser Schmerz darüber ist groß.

Die Tochter atmete auf, als die Notarin ihr sagte, dass sie enterbt worden sei.

Jetzt liegen sie, wie sie es wollten, im Tabarzer Familiengrab. Der schlichte braune Marmorblock, den die Mutter vor ihrem Tod noch setzen ließ, weist bislang nur die Namen der Urahnen auf.