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Krieg unter Brüdern

Nach der Ermordung des Präsidenten kämpft in Tschetschenien jeder gegen jeden. In den Kulturhäusern und Theatern heißt das Kunststück: Überleben

Von Barbara Lehmann
27. Mai 2004 Quelle: (c) DIE ZEIT 27.05.2004 Nr.23

1. Tag, Annäherung:
Nazrans Flughafen liegt auf einer Anhöhe, ein Meteorit aus Glas und Chrom. Von der inguschetischen Hauptstadt zockeln wir unterm Schirmdach der Alleen ostwärts, dem ersten Checkpoint entgegen, ein Bretterverschlag, davor ein weißer Schutzwall aus Sandsäcken. Ein bäuerliches Gesicht erscheint an der Scheibe. Der Soldat verschwindet mit dem Fahrer. In den Pässen meiner tschetschenischen Begleiter liegen 50 Rubel. Damit niemand nach mir fragt, der Frau ohne Papiere.

Tschetschenien: ein Land wie Thüringen als gesperrte Zone. Von Russen errichtetes Ghetto mit Tschetschenen als Kapos. Russlands verdrängtes stalinistisches Unbewusstes, sein schwarzes Loch für Terror, Verschleppung, mafiose Geschäfte. Die Landschaft ist bukolisch. Berge zeichnen sanfte Linien, auf silbernen Dächern Sonnenflecken. Ab und an eine Bildstörung: die Fundamente abgebrannter Häuser, das von Einschüssen gesprenkelte Türkis der Hoftore aus Eisen. Hin und wieder ein Neubau, aber aus alten Ziegeln. In der Ferne die schwarzen Rauchsäulen über den Ölquellen, dem todbringenden tschetschenischen Gold.

2. Tag, in der Puppenstube:
Grosnyj, ein Gespenst, summt vor meinen Fenstern. Ab und an Maschinengewehrsalven, die wie Feuerwerkskörper knattern. Unser Haus zeigt am Hinterteil das Geschwür eines Bombeneinschlags: Eisenstangen, Schrott, Ziegel, ein Kühlschrankwrack, begrünt von meterhohen Gräsern. Im Flur unserer kleinen Wohnung reiht sich ein Bataillon aus bunten Plastikbottichen. Bereits das fünfte Jahr, sagt Madina* , fließe in Tschetschenien kein Wasser mehr aus den Hähnen. Ausgebombt war sie, in beiden Kriegen, monatelang vegetierte sie in Kellern. Doch irgendwann kam die 29-Jährige wieder, wie ein Hund zurückkehrt in sein Eckchen, hauste zwischen Schutt und verkohlten Wänden. Bloß nie mehr was besitzen, Hauptsache, überleben. Dann hat sie sich doch wieder ihr Nest gebaut. Eine Puppenstube mit blitzendem Parkett und frisch geweißten Wänden. Doch das Klo hat keine Spülung, die Heizkörper sind Attrappen, unter dem Abfluss in der Küche steht ein Eimer. Telefone und Internet-Anschluss haben nur die Behörden. Der Wasserwagen hupt. Leider beliefert er nur den Beamten aus dem Versorgungsministerium eine Etage tiefer.

„Es ist die Zeit des Partisanenkriegs“, sagt Madina, die letzte freie Korrespondentin in Grosnyj. „Auf der einen Seite stehen die offizielle Macht und ihre Kollaborateure, auf der anderen Seite die Separatisten. Ohne die Unterstützung der Bevölkerung wäre der Widerstand nicht möglich.“ Jeden Morgen hetzt sie von Informant zu Informant. Dann hängt sie sich mit dem Satellitentelefon zum Hoffenster raus und übermittelt die Meldungen dem ausländischen Rundfunk. Sie schreibt unter verschiedenen Pseudonymen, wurde mehrfach bedroht und verhaftet. Sie lässt mich nur in Begleitung auf die Straße, mit Kopftuch. Wenn mich einer anspricht, muss ich schweigen.

3. Tag, in der Stadt:
„Seit ich dort war“, sagt Aslan, der eins der berüchtigten Filtrationslager überlebte, „scheint mir das Leben nicht mehr normal. Ich ziehe mich an, esse, trinke, verliebe mich. Alles ist Dekoration, ein Traum. Macht, Staat, Politiker sind nur Attribute des Schauspiels im Namen des Lebens. Hinter den Worten ist der Tod, hinter den Versprechungen die Folter.“

Ich gehe mit dem Dichter, der wie viele Intellektuelle und Künstler nach dem Einmarsch der Russen zunächst im Widerstand kämpfte, durch Grosnyj. Was von der Halbmillionenstadt im ersten Krieg nicht zerstört wurde, hat der zweite ausgelöscht. Grosnyj ist wie das Nachkriegsberlin, doch ohne die Chance des Wiederaufbaus und von der Welt vergessen. Nur auf dem Papier sind die Häuser restauriert worden, oft mehrfach – die Gelder dafür teilen sich in Moskau und Grosnyj russische und tschetschenische Beamte. Die frühere Stadt, ihre Straßenstruktur sind nicht mal zu erahnen. Verschwunden sind Theater, Archive, Bibliotheken, Museen, Minarette und die katholische Kirche. Von der Erde getilgt sind Grosnyjs Parks, Schulen und klassizistische Palais. Vom Zirkus blieb das Stahlgerippe der Kuppel, vom Institut des Öls ein weißes Skelett. Relikte einer versunkenen Schönheit, reingewaschen von zehn Jahren Wind und Regen, Natur gewordene Kathedralen der Zeitlosigkeit, autark, frei von früheren Bindungen. Die Plattenbauten scheinen durchsichtig wie Papier.

Die Ruinen sind wie gemarterte Menschen, deren Wunden nie verheilen. „Jemand“, sagt Aslan, „der Krieg und Folter hinter sich hat, mag sich ändern, doch seine wesentlichen Charakterzüge bleiben die gleichen. Wenn einer stark ist, wird er stärker, wenn er weich ist, zerbricht er.“ Die Russen folterten Aslan, einfach so, aus Lust. Sie zerschossen sein Bein, jagten ihm Nadeln durch die Fingernägel, zerschnitten ihm mit Rasierklingen die Lippen. „Ich war bereit, meine Folterer zu küssen, nur damit sie mich töteten.“

Versuche, irgendwie einen normalen Alltag zu suggerieren. Die Namen der wenigen Caf‚s in den Erdgeschossen der Ruinen künden von der Sehnsucht nach einem schönen Leben: Oase, Zur Rose, Hollywood. Im Zwischenreich der Anarchie ist alles möglich: Der eine hat Naturholzfenster, ein Zweiter haust hinter Plastikplanen, ein Dritter umrahmt die Fenster mit bunten Kacheln.

Das Leben hat sich aus dem Chaos der zerbombten Häuser auf die unendlichen Freiflächen verlagert. Die Stadt ist ein großer Basar. Ganz Grosnyj stakst über schmale Holzplanken, die notdürftig Lehm, Matsch und Staub bedecken. In einer Ecke dreht sich eine hässliche Braut vor dem den Spiegel ersetzenden Blick der Tanten, dann schlüpft sie in eines der vielen Hochzeitskleider aus Spitze und Tüll. Überall wird geheiratet, denn den einzigen Schutz vor der Willkür der Macht bieten die Clans der Familien. Zwischen den Ständen ein Geldwechsler, er war früher Manager. Grosnyjs 160 Fabriken sind zerstört, keiner hat Arbeit. Um der Epoche der Zeitlosigkeit zu entkommen, verdingen sich viele beim Regime von Moskaus Gnaden. „Die Stadt“, sagt Aslan, „ist das große Böse. Sie ist der Schatten des Fluchs. Russland wird sich nie davon befreien. Das, was sie hier machen, machen sie mit sich selbst. Nicht Tschetschenien wird vernichtet, sondern Russland.“

4. Tag, Haus der Kultur:
Der Choreograf sitzt auf der Bühne. Er trägt eine schwarze Pelzmütze und weiße Schuhe. Um ihn herum häufen sich die Gaben: Videorecorder, Ölgemälde, Bücher, Uhren, ein mit einer Schleife geschmückter Teppich. Heute ist sein Ehrentag, ihm, einem Tschetschenen, wird der Titel des Verdienten Künstlers Russlands verliehen. Die Würdenträger, kleine Männlein in großen Anzügen, marschieren auf die Bühne und beglückwünschen den Choreografen zur Heimkehr ins nun friedliche Tschetschenien. Ihre Bewacher, tschetschenische Milizionäre, tragen die Patronengurte wie Schärpen und klatschen. Links grüßt ein grimmiger Präsident Kadyrow vor schneebedeckten kaukasischen Wipfeln, rechts schwebt ein listig guckender Putin-Engel vor den Türmen des Kremls. In der Einheit liegt die Kraft!, Tschetschenien wird wiedergeboren!, rufen die Spruchbänder. Zwischendurch gibt’s Kultur: Wehrhafte Krieger umtanzen feenhafte Frauen, eine Dicke gibt ägyptischen Bauchtanz, einer singt zum Klavier gefühlige Weisen. Die Zuschauer, festlich rausgeputzt, meist Frauen und Kinder, jubeln.

Die wenigen Kulturveranstaltungen finden immer mittags statt, ab 19 Uhr gehören die schwarzen Straßen den Leuchtfeuern und Patrouillen. „Hoffentlich schlägt keine Bombe ein. Dann fände man unsere Leichen unter denen der Kollaborateure“, sagt Madina. „Der Krieg hat uns niedergewalzt wie ein Bulldozer. Gleich der Berliner Mauer geht er durch jede Familie. Nach dem ersten Krieg hatte ich noch Hoffnung, nach dem zweiten Krieg bin ich eine andere geworden. Depressionen kann man heilen, wir aber sind zweimal gestorben. Der Verrat, die Heuchelei haben viele Gesichter. Die Besten sind weg.“ Durch die Räume huschen die Schatten der Toten.

5. Tag, am Platz des Öls:
Morgendliches Fitness-Training auf Tschetschenisch: Wir wandern mit den Eimern ins nächste Viertel, dort schießt das Wasser einfach aus dem Asphalt. Am „Platz des Öls“ darf seit dem 1. Mai ein Springbrunnen sprudeln. Schöne Mädchen, unberührbare muslimische Prinzessinnen mit schicken Kopftüchern und in knackigen Minis, flanieren zwischen frisch gepflanzten Rosenrabatten. Schräg gegenüber die weißen Mauern des Stadttheaters, eine von drei zerstörten Bühnen Grosnyjs. Über dem Zuschauerraum öffnet sich weit der Himmel. „Es war ein Mafiakrieg“, sagt der Intendant. „Einer glaubte an die Freiheit, einer rächte sich, der dritte wollte reich werden. Jeder verfolgte vor allem die eigenen Interessen.“

Vor seinem inneren Auge steht bereits das neue Theater, doch bislang reichte das Geld nur für die Renovierung eines Proberaums, bezahlt aus den Taschen des Ensembles. Der Staat zahlt nur die Gagen. Angst, Unglaube, Verrat, das ganze Volk traumatisiert – die Intelligenzija habe das alles vorausgesehen. Auf Kriegsstücke, sagt der Intendant, könne man vorerst verzichten. „Das ist, als würde man in den eigenen Wunden bohren. Wir müssen jetzt vom Ewigen reden.“

Wir fahren raus, zur Universität in einem ehemaligen Internat am Stadtrand. Im Medizinischen Institut fragen wir nach Aslanbek Chambijew und Schitaij, seinem älteren Bruder. Es sind die Neffen des Feldkommandeurs Magomed Chambijew, des Verteidigungsministers der tschetschenischen Republik Itschkerien, wie die Untergrundregierung um den 1997 gewählten Präsident Maschadow es nennt. Sie waren gute Studenten, sagt die Tutorin. Anfang März stoppten zwei Autos mit russischen Geheimdienstlern und tschetschenischen Milizionären vor dem Institut. Sie drohten, auf die Studenten zu schießen, wenn man Aslanbek nicht ausliefern würde. Zur gleichen Zeit holte ein anderes Kommando den Bruder aus seiner Wohnung. Leila, eine Studentin mit blond gesträhnten Haaren, kommt hinzu: „Wir zogen unsere Kittel an, blockierten die Straßen vor dem Haus der Regierung. Wir hatten Angst. Die Autos fuhren uns an. Wir waren bereit zu Opfern.“

Der Partisanengeneral Magomed Chambijew stellte sich den Behörden. Seitdem muss er vor den Kameras als rechte Hand von Ramsan Kadyrow posieren, dem Sohn des ermordeten Präsidenten. Mit dem Versprechen der Amnestie wurden viele Separatisten geködert – ein Sprengsatz für zukünftige innertschetschenische Scharmützel mit der Blutrache als Motor. Chambijews Neffen kamen frei. Beide Brüder waren gefoltert worden. Seitdem sind sie hier nicht mehr aufgetaucht.

6. Tag, Komsomolskoje:
Die Vögel singen wieder. Sie waren verstummt, als in den ersten Märztagen des Jahres 2000 die Russen das Dorf bombardierten und von der Erde fegten – Rache an dem Feldkommandeur Gelajew, dessen Truppen für eine Nacht in Komsomolskoje kampieren wollten. Am Ortseingang ein großer Friedhof, umsäumt von den mit Halbmond und Sternen gekrönten lanzenähnlichen Eisenmahnmalen der gefallenen Krieger. Früher wehte hier auch die tschetschenische Flagge, doch das Gedenken an die Mudschaheddin hat das Kadyrow-Regime verboten. Neben dem Stumpf eines Nussbaums ein Stapel Holz aus seinen zerschossenen Stämmen, doch die ersten Blätter sprießen direkt aus der Wurzel.

200 Menschen leben hier wieder, es waren einmal 5.000. Das Dorf war reich, mit blitzblanken Höfen – Festungen fast, aus roten Ziegeln. In der hastig hochgezogenen Hütte von Imran, Madinas Schwager, riecht es nach Armut. Schimmelpilz kriecht an den Wänden hoch, acht Menschen schlafen auf dem Boden. Vom früheren Hof stehen nur noch die Fundamente. Nach der Rückkehr aus dem inguschetischen Lager schlief die Familie monatelang in Zelten. „Wir geben niemals auf“, sagt Imran. Sein Sohn und sein Neffe fielen in den Kämpfen. Nach der russischen Bombardierung führte Imran die aus ganz Tschetschenien herangereisten Verwandten der Toten durch das Geisterdorf, ohne Mundschutz, vorbei an 1.200 Leichensäcken. Eine erkannte den Bruder nur am Sweater, den sie gestrickt hatte – der Leiche fehlte der Kopf.

Der frisch gepflanzte Baum trägt weiße Blüten. Später, sagt Imran, werden sie einfach zu Boden fallen, ohne zu verwelken. „Heimat – das ist dieser Baum. Wo er wächst, gibt es keine Verwesung.“

7. Tag, Samaschki:
Heute morgen kam der Wasserwagen, endlich. Der Fahrer pumpt mit einem Motor das Wasser direkt in die Bottiche. Wir kippen einen Eimer Wasser ins Klo, so ein Luxus.

Wir fahren nach Samaschki, in das Dorf von Madinas Familie. Früher fuhren über die große föderale Straße Rostow-Baku die Reisebusse und alle Schwertransporte, jetzt rumpeln hier bloß noch ein paar Ladas. Am Straßenrand Frauen, die für ein paar Kopeken Kräuter verkaufen und bei der Suche danach in den verminten Wäldern ihr Leben riskieren. Dazwischen rot-gelb-grüne Flüssigkeit in bauchigen Gläsern – selbst gemachtes Benzin. Am illegalen Ölgeschäft verdienen die russischen und tschetschenischen Bosse Millionen.

Am Eingang des mehrfach bombardierten Dorfes die zerstörte Konservenfabrik. Hier kampieren jetzt die Flüchtlinge, von der Regierung zwangsweise zurückgeholt aus Inguschetien – sie würden ja sonst das Bild vom befriedeten Tschetschenien stören. Frauen, fleißige Arbeitsbienen, schleppen Wasser in großen Eimern, ihre Männer, die Drohnen, hängen rum. Fast in jedem Haus gab es Tote. „Früher“, sagt Madina, „war alles klar, eine Front, eine Position. Jetzt ist alles verwischt. Tschetschenen kämpfen gegen Tschetschenen.“

Vor vielen Häusern Haufen mit Ziegeln. Die Leute haben sie aus den Ruinen der verlassenen Höfe genommen. Am Terrain der russischen Kommandatur entlang verliefen früher Eisenbahnschienen, von hier aus konnte man auf der zentralen kaukasischen Linie bis nach Moskau fahren.

„Wir haben nichts erreicht“, sagt Madina. „Wir haben: abgebrannte Städte, ermordete Männer, vergewaltigte Frauen. Unsere Freiheit heute sind Rechtlosigkeit und Anarchie.“ Früher waren die Separatisten im Dorf sichtbar, wurden beköstigt. Jetzt sind sie verschwunden, in den verminten Wäldern, im Nirgendwo der Berge.

Maschadows Kämpfer. Tag für Tag marschieren sie Dutzende von Kilometern, schlafen vor Erschöpfung im Stehen ein. Im Gepäck schwere Geschütze, Ausrüstung, Konserven, im Kopf die fixe Idee der nationalen Unabhängigkeit und den Hass auf die russischen Okkupanten. Der Kampf zwischen Russen und Tschetschenen ist wie ein Streit unter Brüdern: gemeinsam aufgewachsen unter dem gestirnten Himmel des angekündigten kommunistischen Paradieses, sind sich beide Völker in der Orthodoxie ihres Glaubens ähnlich.

8. Tag, die Lehrerin:
Früher lehrte sie Madina, die russischen Dichter zu lieben. Jetzt will die Lehrerin nicht mal mehr ihren russischen Lieblingsschriftsteller nennen. Stille herrscht in ihrem blitzenden Haus in Samaschki, seit am 14. November 2002 um 1.55 Uhr die Militärs einbrachen, auf leisen, mit Spezialgummi beschichteten Sohlen. Sie und ihre Kindern bekamen Klebeband über Mund und Hände; ihr Mann wurde wie ein Paket rausgetragen.

Von Instanz zu Instanz, sagt die Lehrerin, sei sie gerannt, sogar in Kadyrows wie eine Festung verschanztes Dorf sei sie gefahren. Hunderte von Briefen hat sie geschrieben, bis zum Europarat, bis zur Menschenrechtskommission der UN und hat nach dem Verbleib ihres Mannes gefragt, Barschigow, Mulat Mumajewitsch, geboren 1948, sechzehn Jahre lang Stellvertretender Vorsitzender des Dorfrats, Invalide der Zweiten Gruppe. Nie eine Antwort. „Ihr in Europa“, sagt die Lehrerin, „ihr hattet so viele Kriege! Warum greift ihr nicht ein?“ Weg will sie nicht. „Es wäre ein Verrat, wenn ich ginge.“

9. Tag, Grosnyj:
„Wir leben immer noch mit dem Freiheitsbegriff des 19. Jahrhunderts“, sagt der Direktor, Herr über einen vorsintflutlichen Kinoprojektor, eine Bühne, drei Scheinwerfer und 400 rote Zuschauersessel. „Wir waren nie besiegt, haben uns nie untergeordnet, waren nie Sklaven. Selbst in der Sowjetzeit handelten wir weiter nach unseren Gesetzen.“ Freiheit auf Tschetschenisch, umzäunt von tausend Regeln. Kein Sex vor der Ehe. Frauen ist es verboten, gemeinsam mit dem Ehemann und Schwager zu essen. Für eine getötete Frau fordert das Gesetz der Blutrache zwei Männerleben.

Auf den Hügeln fuhren die Russen schon ihre Kanonen auf, da brachte der Direktor noch schnell das Inventar in Sicherheit. Sein zweistöckiges Kulturhaus gehört zwar zu einer Elektrofabrik, doch bis zu deren Inbetriebnahme am Sankt-Nimmerleins-Tag will er nicht warten. „Die Lunte für den Unabhängigkeitskampf“, sagt der Direktor, „haben die Russen selbst gelegt. Schon in Sowjetzeiten haben sie die tschetschenischen Clans gegeneinander ausgespielt. Sie haben ihren Staat vor dem Verfall bewahrt auf unsere Kosten.“ Unterschlupf bietet der Direktor vielen, Hauptsache, sie sitzen wie er politisch zwischen den Stühlen.

10. Tag, die letzten Stunden:
Unten wartet schon der Wagen. Ich büchse aus, streife durchs Haus. An manchen Eingängen bauschen sich zerrissene Planen, vor anderen kreuzen sich löchrige Bretter. Hier wohnte früher die tschetschenische Elite, Schauspieler, Regisseure, auch ein Minister Inguschetiens. Die einen sind tot, die anderen emigriert, wieder andere verschwunden. Wollust der Selbstauslöschung, zementiert im Kreislauf von Vertreibung und Widerstand seit Generationen. Im Überlebenskampf vergessen die Tschetschenen zu leben. Die Tür öffnet sich zu einer verlassenen Wohnung. Rote Seidenblumen auf einer Fensterbank, in einer Ecke ein Schrankgerippe. In den Regalen Proust, Neruda, Pasternak, auch antike Lyrik, staubbedeckt. Auf der weißen Wand daneben in großzügig geschwungenen blauen Kreidelettern ein Vers von Hölderlin: „Liebste, alle Scheidenden reden wie Trunkene und benehmen gerne sich festlich.“

* Die Namen sind von der Redaktion geändert